Freitag, 18. April 2025

Vortrag der Selbsthilfeakademie Sachsen "Was würde dein Körper dir sagen, wenn er sprechen könnte?"

Am 16. April 2025 fand der Onlinevortrag der Selbsthilfeakademie Sachsen "Was würde dein Körper dir sagen, wenn er sprechen könnte? - Selbsthilfe im Umgang mit chronischen Erkrankungen" statt. Vortragende war die Psychologin Samira Peseschkian, die auch selbst Betroffene ist. Sie begann damit, dass der Schmerz ein "Rudeltier" sei, der auch meistens Komplizen wie Müdigkeit, Konzentrationsstörung, Angst, Unwägbarkeit, Hilflosigkeit und Katastrophisierung im Schlepptau hat.

Akute Schmerzen entstehen hauptsächlich aus Gewebeschädigungen. Demgegenüber entstehen chronische Schmerzen hauptsächlich aus Gefühlen und Gedanken heraus. Eine entscheidende Rolle beim chronischen Schmerz spielt das Schmerzgedächtnis der Amygdala, dem Mandelkern im Gehirn. Die Amygdala ist das Warnzentrum, das vor kommenden Gefahren warnt und Schmerzen auslöst, die wiederum der Vermeidung dienen. Bei chronischen Schmerzen ist die Amygdala vergrößert. Dann neigt man zur Überschätzung der Gefahr und die Vermeidung wird verstärkt. Diese Schonung baut aber oft auch Ressourcen wie stützende Muskeln ab.

Die Amygdala reagiert sehr schnell, da sie das Überleben sichert, sie ist empfindlich und nachtragend. Das Herunterregeln der Amygdala erfolgt über den Neokortex, also dem vorderen Großhirn, das relativ langsam funktioniert. Es ist trotzdem wichtig, diese Regulationsfunktion durch Reflexion (was ist passiert, seit wann und wie oft passiert das?), kritisches Bewerten der Situation (was passiert gerade und wie gefährlich ist das wirklich?), mentales Loslassen (Ich bin nicht mein Schmerz, der Schmerz kommt und geht...) und Selbstwirksamkeit (Ich kann etwas tun) zu stärken.

Chronische Schmerzen entstehen oft auch durch langjährige Stresserfahrungen. Dabei hat man die stillen Signale des Körpers, wie Müdigkeit, Bauchschmerzen, Schwindel, Leistungsabfall, Reizbarkeit und häufige Erkältungen vorher schon übersehen. Danach kommen dann die lauten Signale wie eben Schmerzen, aber auch Krämpfe, Haarausfall, Ohnmacht oder Herzrasen. Die Spirale der Erschöpfung führt dann zu Schlafstörungen, sozialer Isolation, Depression, Apathie, Stimmungsschwankungen, Panikattacken und chronischen psychosomatischen Schmerzen. Die Fehler, den man dabei oft macht, sind, sich über die Schmerzen zu ärgern, Medikamente dagegen einzunehmen und dann weiter im Stress zu bleiben.

Eine Selbsthilfe bei chronischen Schmerzen führt über Selbstreflexion und positiver Wahrnehmung der eigenen Ressourcen. Was kann ich überhaupt verändern? Wo kann ich etwas verändern? Was kann ich dabei nutzen, das mir zur Verfügung steht oder was ich gelernt habe? Was könnte ich noch lernen, um mir selbst zu helfen? Bei dieser Bestandsaufnahme kann man über die erlebte verbesserte Selbstbewertung und Selbstwirksamkeit zumindest die Kumpane des Schmerzes überlisten, nach dem Motto "Schmerz hat man, aber über das Leiden entscheidet man selbst."

Beim Handeln gegen den Schmerz, ob es sich nun zum Beispiel um Bewegung oder Meditation handelt, sind kleine Schritte wichtig, um eine Überlastung zu vermeiden. "Es ist nicht wichtig, wie groß der erste Schritt ist, sondern in welche Richtung er geht."

Ein Interview mit Samira Peseschkian findet man hier: „Chronische Erkrankungen bringen immer ihre Komplizen mit.“ 

Anmerkungen zur Amygdala: 

Die Amygdala ist ein Emotionszentrum des Gehirns, dass auf Furcht, Angst und Stress spezialisiert ist. Sie löst nicht nur psychosomatische Schmerzen aus, sondern auch Panikreaktionen wie Kampf, Flucht und Einfrieren. Sie ist aber auch wichtig für das Thema Urvertrauen und Mutterbindung. Sie wird durch eine gelungene Mutterbindung sozusagen "justiert". Die Amygdala steuert auch, welche Erinnerungen gespeichert werden und welche wann erinnert werden. 

Antidepressiva regulieren die Amygdala chemisch, Meditationen und Übungen zur "Vagusnervstimulation" regulieren die Amygdala ebenfalls. Psychotherapie hingegen stärkt die Rolle des Neokortex. Durch negative Erfahrung wächst die Amygdala. Durch Therapie kann sie wieder schrumpfen.

Angeregt durch den Vortrag befragte ich eine künstliche Intelligenz (You.com) eingehender über die Amygdala. Was ich dabei erfahren habe ist äusserst interessant und kann hier nachgelesen werden:

Fragen und Antworten zur Amygdala

(Rico)

Zusammenfassung der Zoom-Treffen zum Thema "Aussöhnen" (20.02.25) & "Blockierende Glaubenssätze" (17.04.25)

aus unserer Angebotsreihe "Wochenkinder Sachsen". Der Inhalt wird als kurze Übersicht wiedergegeben. Das finde ich als Erinnerungsanker nützlich, damit ihr euch als Teilnehmende eventuell besser an die Gespräche erinnern könnt. Es werden dabei keine persönlichen Details offenbart. Anregungen und Hinweise nehme ich gern über die Email wokidresden@gmail.com entgegen. 

Beim Februarthema "Aussöhnen" im Hinblick auf die Wochenkinder-Problematik sprachen wir hauptsächlich über das gegenwärtige oder grundlegende Verhältnis zu unseren Eltern. Genauer gesagt ging es darum, ob wir unseren Eltern vergeben können und ob von der Elternseite jemals Versuche gemacht wurden, sich zu entschuldigen.

Obwohl es einige wenige Aussöhnungen gegeben hat, tun sich die meisten unserer Eltern schwer, überhaupt über das Thema zu reden. Wenn sie sich doch öffnen, ist dies meist nur von kurzer Dauer. Manche von uns ehemaligen Wochenkindern haben wenig und problematischen Kontakt mit ihren inzwischen altgewordenen Eltern. Eventuell sind diese auch schon verstorben. Einige Wochenkinder trauen sich bis heute nicht, mit ihren Eltern über das Thema zu reden, weil sie fühlen, dass das als Schuldzuweisung gewertet wird. Oder sie fühlen sich in der Gegenwart ihrer Eltern wieder in die Kindheit zurückversetzt, in der die Autorität zugunsten der Eltern verschoben war. Andere wollen ihre Eltern auch aufgrund deren fortgeschrittenen Alters mit dem Thema nicht mehr "belasten". Manchmal stehen auch starke Gefühle wie Angst, Verachtung oder Wut einem "aussöhnendem" Gespräch entgegen.

Die wenigen Wochenkinder, die zumindest Aussprachen mit ihren Eltern geführt haben, raten zu einem "Mutanfall". Obwohl sie betonen, dass selbst eine Entschuldigung von den Eltern nur wenig dabei hilft, Traumafolgestörungen zu bearbeiten, meinen sie, dass die Erkenntnisse trotzdem sehr wertvoll sind, um Lücken im Gedächtnis zu füllen und Missverständnisse zu beheben. Ich habe als Beispiel angeführt, dass ein Gespräch mit den Eltern nicht unbedingt eine Entschuldigung als Ziel haben muss, es kann auch nur um biografisches oder "historisches Interesse" gehen.

Immerhin ist die Kenntnis der eigenen Geschichte unser gutes Recht. Und ein Gespräch muss auch nicht persönlich geführt werden. Die sozialen Medien geben jede Menge Möglichkeiten für schützende Distanz und Gesichtswahrung. Und auch ein geschriebener Brief kann sehr wertvoll sein. Im besten Fall kann es zu einem Moment kommen, in dem man sich mit seinen Eltern das erste mal verbunden fühlt.

Beim Thema "Verzeihen" wurde klar, dass es einmal ein "beiderseitiges" Verzeihen gibt, indem die Eltern ihrer Verantwortung gewahr werden. Aber es gibt auch ein "einseitiges" Verzeihen, dass aus dem eigenen Verständnis für die damalige Situation der Eltern herrührt und aus einem tiefen Wunsch, loszulassen, zu trauern und abzuschliessen, um sich wieder für andere Beziehungen und Themen öffnen zu können.

Beim gemeinsamen Austausch im April über "Blockierende Glaubenssätze" wurde deutlich, dass viele Wochenkinder dysfunktionale Glaubenssätze mit sich tragen, die sehr grundlegend mit ihrer Daseinsberechtigung verknüpft sind und ursprünglich als "Überlebensstrategien" fungierten. "Ich darf keine Bedürfnisse haben", "Ich bin falsch", "Ich gehöre nicht dazu", "Mit mir stimmt etwas nicht", "Ich bin unnütz" sind typische tiefverankerte Überzeugungen. Andere Glaubenssätze verstärken die Absprache eigener Bedürfnisse: "Ich muss immer stark sein", "Ich darf nicht um Hilfe bitten", "Ich darf nicht zur Last fallen" sind Beispiele dafür. Es wurde vermutet, dass die Basis für diese Glaubenssätze in den Wochenkrippen und -heimen gelegt wurde und mit einem frühkindlichen Bindungs- bzw. Entwicklungstrauma verknüpft sein können. Oft wurden sie von Überzeugungen der DDR-Elterngenerationen der 50er bis 80er Jahre auch noch durch deren Aussagen oder Handlungen bestärkt und verankert.

Als Therapien, die diese besonders für das Erwachsenenalter als dysfunktional erwiesenen Glaubenssätze abschwächen können, wurden tiefenpsychologisch fundierte Traumtherapie, EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) und Hypnosetherapie erwähnt. Darüberhinaus wurden zur Selbsthilfe spezielle Online-Kurse und Arbeitsbücher wie Stefanie Stahls "Das Kind in dir muss Heimat finden" sowie auch die regelmäßige "Selbstkonfrontation" mit den eigenen Glaubenssätzen empfohlen. Selbstkonfrontation heißt in dem Fall, sich dem Unterschied zwischen verzerrter Wahrnehmung, sprich: "blockierendem Glaubenssatz" und der Realität bewusst zu stellen. Diese Realität könne man sich zum Beispiel von Partnern, Freunden und Kollegen einholen bzw. spiegeln lassen. Manchmal würden aber auch körperliche Signale, wie Schmerzen, Müdigkeit und Erschöpfung darauf aufmerksam machen. 

Bei der Selbstkonfrontation sei es besonders wichtig, behutsam vorzugehen und kleine Schritte zu machen. Jeder Hauptglaubenssatz hat schließlich noch eine Gruppe an Nebenglaubenssätzen, die man nicht alle auf einmal auflösen kann.

Letztlich kamen auch noch die "Kompensationsstrategien" zur Sprache, die versuchen, das Defizit aus dem Glaubenssatz zu kompensieren. So wird die "geglaubte" unsichere Daseinsberechtigung oft durch Leistung  und die "abgesprochene" Bedürftigkeit durch übertriebene Selbstständigkeit kompensiert. Dem hinzufügen seien an dieser Stelle auch die "Vermeidungsstrategien" wie Rebellion, Selbstsabotage oder selbstgewählte Isolation.

Verabschiedet haben wir uns mit dem Versuch, die eingangs aufgelisteten blockierenden Glaubenssätze zu "reframen", d.h. sie ins Positive zu verändern oder daraus mit Geduld und Langmut eine neue selbstermächtigende Sichtweise zu entwickeln, z.B.: „Wenn ich meine Bedürfnisse ernst nehme, kann ich besser für mich und andere sorgen oder: „Indem ich meine Bedürfnisse kenne und mitteile, gestalte ich ehrliche Beziehungen“ oder: „Ich bin genug – ich muss nichts leisten, um wertvoll zu sein.“ 

Nun noch erwähnte Empfehlungen aus diesem Zoom als Links:

EMDR: https://de.wikipedia.org/wiki/Eye_Movement_Desensitization_and_Reprocessing

Hypnosetherapie: https://www.palacios.academy

Verhaltenstherapie: https://www.matthiashammer.de/buecher/feind-in-meinem-kopf/

Gestalttherapie: https://www.lebenskarten.de/traumatherapie88/gestalttherapie-2/  

Tiefenpsychologie: https://sciodoo.de/tiefenpsychologie-merkmale/

 (Rico)

Mittwoch, 16. April 2025

Dresdner Wochenkinder: News 1/2025

Neue Website vom Wochenkinder e.V. ist online!

Weitere Infos hier...


So, 27.04.25, ab 10.00 Uhr: "Balance im Leben: Qigong & Wandern"

Herzliche Einladung an die Dresdner & Leipziger WOKIs zu einer kleinen Wanderung (ca. 8-10 km) mit Qigong-Übungen. Für unterwegs sind einfache Qigong-Übungen eingeplant, für die es keine Vorerfahrungen braucht. Empfehlenswert sind Wechselschuhe (leichte Schuhe für die Übungen, feste Schuhe zum Wandern), bequeme Kleidung, ggf. Regenschutz, Verpflegung und ausreichend zum Trinken dabei zu haben. Weitere Infos zur Wanderung, Anmeldung und zum Treffpunkt auf Anfrage: dresden@wochenkinder.de




Do, 15.05.25, 17.00-18.00 Uhr: "WOKIs bloggen & surfen - eine virtuelle Exkursion auf Social Media" 

Cornelia & Rico laden zu einem gemeinsamen virtuellen Rundgang auf unserem Dresdner Wochenkinder-BLOG, der neuen Website und des Instagram-Kanals des Wochenkinder e.V. sowie zum Austausch über die Nutzungsmöglichkeiten via ZOOM ein. Wer Lust und Interesse hat, an dem einstündigen ZOOM-Treffen teilzunehmen und vielleicht auch zukünftig gern bei unserem BLOG (z.B. gelegentliche Beiträge: Fotos, Erfahrungsberichte, Informationen, Künstlerisches ...) mitwirken möchte, bitte anmelden bei dresden@wochenkinder.de




Sa, 17.05.25, 15.00-17.00 Uhr: Selbsthilfetreffen der "Dresdner Wochenkinder" im Rathaus

Alle, die sich zu diesem Treffen bereits angemeldet haben, erhalten demnächst eine Extraeinladung. Für weitere Interessierte, die sich kurzfristig noch anmelden möchten, wird eine Warteliste eingerichtet. Weitere Infos hier...





Fr, 06.06.25, 10.00-13.00 Uhr: Nächstes Treffen "Kreativgruppe WG 6"

weitere Infos hier...


Do, 26.06.25, 16.30-18.00 Uhr: Nächstes ZOOM-Treffen „WOKI Sachsen“ 

weitere Infos hier ...


SAVE THE DATE!  Kreative Beteiligung gesucht!

Für Wann: Sa, 25.11. 25, 6. „Sächsischer Selbsthilfetag EX-IN Sachsen e.V. und Selbsthilfedrei e.V.“. Wo: in Dresden, Deutsches Hygienemuseum (Martha-Fränkl-Saal), circa 09:30 - 18:00 Uhr, Arbeitstitel: "Was bedeutet Recovery? - individuell und gemeinsam Genesung erleben"




SAVE THE DATE!  Sa, 29.11. 23, 10.00-15.00 Uhr: 13. Selbsthilfetag der KISS (Kontakt- u. Info-Stelle für Selbsthilfegruppen)

Das Motto lautet „Selbsthilfe wärmt“, Wo? Rathaus Dr.-Külz-Ring 19, 01067 Dresden, im Plenarsaal, Eingang über die Goldene Pforte. Weitere Infos demnächst.


Und zu guter Letzt!

Artikelreihe zur „Frühkindlichen Fremdbetreuung“ von Fabian Schwitter

Inspiriert von der Dresdner Ausstellung „ferne nähe. Reflexionen ehemaliger Wochenkinder“ ist eine herausragende dreiteilige Artikelreihe auf "FEUILLETON F." im ersten Quartal diesen Jahres entstanden & veröffentlicht worden, die wir hiermit wärmstens zur Lektüre empfehlen:


Kinderbetreuung als Staatsräson. Wochenkrippen in der DDR (Teil 1)

In der DDR wurden Wochenkrippen eingeführt, um es Müttern zu ermöglichen, frühzeitig wieder in den Arbeitsprozess einzusteigen. Diese Einrichtungen, in denen Säuglinge und Kleinkinder unter der Woche Tag und Nacht betreut wurden, führten jedoch oft zu emotionaler Vernachlässigung und langfristigen psychischen Belastungen bei den Kindern. Die staatlich organisierte Kinderbetreuung wurde als Mittel zur Förderung der weiblichen Erwerbstätigkeit und zur Umsetzung sozialistischer Ideale betrachtet. mehr lesen ...


Kinderbetreuung als Kampfplatz. Mütterliche Mittagstische in der BRD und der Schweiz (Teil 2)

Im Gegensatz dazu war die Kinderbetreuung in der BRD und der Schweiz stärker von traditionellen Familienstrukturen geprägt. Mütterliche Fürsorge und häusliche Betreuung galten als ideal, während institutionelle Betreuungseinrichtungen seltener genutzt wurden. Alleinerziehende und berufstätige Mütter standen oft vor Herausforderungen, da es an ausreichenden Betreuungsmöglichkeiten mangelte. mehr lesen ...


Kinderbetreuung als gesellschaftliche Aufgabe: Ob Männer zur Gesellschaft gehören? (Teil 3)

Die Debatte über Kinderbetreuung war nicht nur eine Frage der Organisation, sondern auch ein gesellschaftlicher Aushandlungsprozess über Rollenbilder und Geschlechterverhältnisse. Die Frage, ob Männer sich aktiv an der Kinderbetreuung beteiligen sollten, wurde kontrovers diskutiert und spiegelte tief verwurzelte Vorstellungen von Geschlechterrollen in Ost und West, mehr lesen ...




Donnerstag, 3. April 2025

Neue Website: wochenkinder.de

Die Website www.wochenkinder.de wurde komplett überarbeitet. Sie bietet ab sofort mehr Informationen und Funktionen. So gibt es Fragen und Antworten zu DDR-Wochenkrippen und Wochenheimen, sind alle neuen bundesweiten Termine zum Thema aufgelistet, kann man Kontakte und Ansprechpartner aller Selbsthilfegruppen leicht finden. Auch der neugegründete Verein Wochenkinder e.V. stellt sich vor. Es gibt eine interaktive Karte zu den Standorten der ehemaligen Wochenkrippen und ein umfangreiches Archiv von Zeitungsartikeln, Filmen, Büchern, Blogs und Podcasts steht öffentlich zur Verfügung. Zudem kommen Wissenschaftler und Therapeuten zu Wort und sind aktuelle Forschungsergebnisse aufgeführt. 

Schaut gern vorbei - über ein Feedback würde sich das Redaktionsteam sehr freuen.


© www.wochenkinder.de

Montag, 24. März 2025

Vortrag Körperarbeit 22.03.2025

Die Körpertherapeutin Patricia Ludwig war zu Gast bei uns und stellte ihre besondere Form der Körpertherapie vor. Sie sprach unter anderem über die Rolle des Haltgebens, bei der Menschen im Arm gehalten oder sanft berührt werden können, im Unterschied zum Festhalten in der originalen "Haltetherapie". Als ihr eigenes Fazit langjähriger Therapiepraxis stellte sie heraus: Ein Trauma ist eine Wunde – niemand kann vorhersagen, ob oder wann sie heilt.


Ein besonders einprägsames Werkzeug, das sie mit uns gleich am Beginn teilte, war die „Körperampel“ zur Selbstwahrnehmung:


🔴 Rot – der Körper ist sehr aufgeregt.

🟡 Gelb – eine leichte Unruhe oder Anregung ist spürbar.

🟢 Grün – völlige Entspannung.


Sie ermutigte uns, bewusst wahrzunehmen, was unserem Körper guttut, und diese Dinge in die Alltagsgestaltung zur Selbstregulierung mit einfließen zu lassen. Beispiele, die sie nannte, könnten das Lauschen des "beruhigenden Plätschern von Wasser“ oder "Sitzen in einem Cafe" sein. Ebenso verlässlich wie unser Körper uns Wohlgefühl signalisiert, warnt er uns auch, wenn etwas nicht passt.


Ein weiterer wertvoller Impuls: Zittern (sog. "neuronales Zittern“) und Gähnen helfen, Stress abzubauen sollten wir nicht unterdrücken. Man kann sie sogar bewusst herbeiführen, wenn wir spüren, dass wir angespannt sind.


Im offenen Gespräch tauschten wir uns über unsere Erfahrungen mit Psychotherapie und Körpertherapie aus. 


Abschließend zeigte Patricia uns einige „Praktische Übungen“ zum Mitmachen:


Schwankend den Standpunkt finden: Im Stehen leicht vor- und zurückschaukeln, um den Mittelpunkt der Füße bewusst zu erspüren.

Selbststützend spüren: Eine Hand an den unteren Rücken legen und sich sanft in diese Stütze hineinlehnen.

Atmen und Fühlen: Ruhige Bauchatmung durch die Nase – den Atem bewusst wahrnehmen.

Mit Staunen schauen: Etwas Schönes betrachten und dabei mit einem echten “Wow!” staunen.
Sanft klopfen oder tätscheln: Auf die Brustmitte oder auf die eigenen Schultern.
Händchen halten: Die eigenen Hände berühren oder halten, auch an den Handgelenken.


Hier noch die Bilder vom Flipchart, die Buchempfehlung Embodying Wellbeing von Julie Henderson und das von Una mitgebrachte Kartenspiel Was tut mir gut?




 
 
 

(Rico & Cornelia)

Freitag, 7. März 2025

Kreativgruppe "WG 6", 07.03.2025

 aus der heutigen "Werkstatt":  "Ich-Poster" 

© SHG Wochenkinder Dresden

© SHG Wochenkinder Dresden

© SHG Wochenkinder Dresden

© SHG Wochenkinder Dresden

© SHG Wochenkinder Dresden

© SHG Wochenkinder Dresden

© SHG Wochenkinder Dresden 

© SHG Wochenkinder Dresden

(Cornelia)

Donnerstag, 6. März 2025

Wie ich von der Wochenkrippe erfahren habe (von Rico)

Auf Anfrage gegen Weihnachten 2023 hin hat mir meine Mutter eröffnet, dass ich die ersten vier Lebensjahre - ab dem 3 Monat - im Kinder-Wochenheim der DDR war. Vorher war ich nur von einem Jahr Wochenkindergarten ausgegangen, denn über diesen haben wir immer mal wieder gesprochen.

Dies ist die Whatsapp Kommunikation mit meiner Mutter dazu:

Rico: "Ich habe gerade ein ganz interessantes Buch zu Wochenkindergärten gefunden. Kannst du mir bitte noch mal sagen, von wann bis wann ich dort war? Ich finde es unheimlich spannend, mich zur eigenen Persönlichkeit weiter zu bilden."
Mutter: "Wegen der Wochenheime hab ich keine Unterlagen. Die Erinnerung ist nicht ganz vollständig. Du warst in einer Wochenkrippe am Schillerplatz bis zum 3. Geburtstag und anschließend im Wochenkindergarten in Rochwitz. Ich weiß  aber nicht mehr genau, wie lange. Der wurde irgendwann geschlossen und dann warst du in einem normalen Kindergarten in Dresden."
Rico: "Hast du noch eine Idee vom Eintrittsalter in die Wochenkrippe? Eher 3 Monate, 6, 9 oder 12. So ungefähr? Und ob die Krippe eine staatliche war? Ich würde gerne an einer (anonymen) Unistudie teilnehmen, die gerade läuft. Das wäre sehr nett von dir und würde mir sehr weiterhelfen!"
Mutter: "Das war staatlich. Private gab es sicher damals gar nicht. Und ja -  ab 3 Monate."
 
 

Wie man auf dem Bild sehen kann, war es aber doch eine betriebliche Einrichtung, nämlich die Wochenkinderkrippe "Lilo Herrmann" der VEB Verkehrsbetriebe Dresden auf der Waldparkstr. 6.

Eine weitere Whatsapp-Unterhaltung mit meiner Mutter fand dann am im Januar 2024 statt:

Ich: "Hallo Mutti, wärst du bereit dazu, dich mit mir mal zum Thema Wochenkrippe zu unterhalten? Mir würde es hauptsächlich um Erinnerungen aus dieser Zeit gehen. Ich habe selbst ja kaum welche. Das wieso und warum ist mir nicht so wichtig. Ich würde mir ein paar Fragen ausdenken, die wir abarbeiten könnten. Ist das möglich?
Mutter: Klar ist das möglich. Warum, das kann ich dir auch beantworten. Ich hab als Pferdepfleger gearbeitet und geteilten Dienst gehabt. Früh 6-11Uhr und nachmittags 16-18Uhr und das auch Samstag. Erinnerungen an die Zeit hab ich auch nicht mehr viele. Aber ich beantworte gern Fragen wenn ich kann.
Ich: Vielen lieben Dank. Ich denk mir mal ein paar Fragen aus und melde mich dann wieder.
...
Hallo, ich habe ein bisschen nachgedacht und eigentlich habe ich nur drei Fragen, wovon die erste ein bisschen umfangreicher ist. Wie war ich als Kind im Alter von 0-4 Jahren, wie habe ich mich verhalten? Wie ist dir die Wochenkrippe noch in Erinnerung, etwa Personen und Gebäude? Die Krippe war übrigens von den Dresdner Verkehrsbetrieben und befand sich auf der Waldparkstr. 6. Den Kindergarten habe ich nicht gefunden, in Rochwitz gab es nur ein Jüdisches Kinderheim. Wie war die Wohnungssituation in dieser Zeit? Ich kann mich nur an die Wohnung von Oma Lotte erinnern. Haben wir da zu dritt gewohnt? Oder gab es schon eine andere Wohnung?
Mutter: Ja, die Betreuung auf der Waldparkstraße war sehr gut. Weil du ja mehr dort als bei mir warst, hast du manchmal geweint, als ich dich abgeholt habe. Konkrete Erinnerungen an die Erzieherinnen habe ich nicht. Anders war es in Rochwitz. Mit 3 Jahren hattest du schon eine stärkere Bindung zu mir. Da hast du dich gefreut, wenn ich kam. Montags früh sind wir immer schon 6 Uhr mit dem Bus 84 wieder hoch gefahren. Die Adresse weiß ich leider nicht mehr, auch nicht die Haltestelle. Aber das Heim war zu der Zeit in keiner Weise religiös. Erinnern kann ich mich nur noch daran, dass ich gerügt wurde, weil ich nicht zum Elternabend kam. Das ging aber nicht, weil du abends nicht allein bleiben wolltest.
Bei Oma Lotte gab es auch noch den Opa Otto. An den kannst du dich wohl nicht erinnern? Wann wir umgezogen sind auf die Wiesenstraße, weiß ich auch nicht mehr genau. Zu der Zeit warst du im Kindergarten Altseidnitz. Da kann ich mich noch an die Erzieherin Frau Keil erinnern, die meist Spätdienst hatte.
Ich: Ja, an Opa Otto kann ich mich dunkel erinnern, auch an sein Begräbnis. Ich habe die Wohnung als 2-Raumwohnung in Erinnerung, deswegen habe ich mich gewundert, wie dort 4 Personen gewohnt haben… Das einzige Wochenheim Richtung Rochwitz war auf der Kottmarstr. 1. Die Haltestelle dazu heißt „Zweibrüderweg“. Das ist zwischen Loschwitz und Niederrochwitz.
Mutter: Die Wohnung auf der Schlüterstraße war eine 3-Raumwohnung. So hab ich das Gebäude nicht in Erinnerung. Aber vielleicht irre ich mich auch. Ich hab gerade gelesen, bei Wochenkindern soll es Entwicklungsverzögerungen gegeben haben in den Bereichen Bewegung und Sprache in den ersten 2 Jahren. Das trifft aber bei dir nun wirklich nicht zu. Da warst du besser als die Mädels (Anm.: meine 2 Schwestern).
Ich: Naja, es gab sicher viele Unterschiede zwischen den Einrichtungen und zwischen den Jahrgängen. Am Anfang hat man viele Fehler gemacht und das wie ein Krankenhaus aufgezogen. Später gab es dann ordentliche Erziehungspläne. Manche Einrichtungen waren chronisch überbelegt oder hatten ständig wechselndes Personal. Da hatten die Kinder dann natürlich Probleme damit.
Mutter: Überbelegung war damals kein Thema. Da war einfach Aufnahmesperre. Und Personalwechsel ist auch eher ein Thema von heute. Ob aber das Personal überall gut war, kann ich natürlich nicht beurteilen.
Ich: Es gibt darüber erstaunlich detaillierte Archive und (mittlerweile) historische Untersuchungen auf dieser Basis. Also in Rochwitz selbst gibts 2 Kandidaten, das eine Haus liegt auf der Hutbergstr. 1 und ist immer noch ein Kindergarten. In der Nähe gibts auch einen Schulhort, auf der Hutbergstr. 2. Das andere liegt auf der Karpatenstr. 37 und war vor dem Krieg ein Kindererholungsheim, wurde aber nach dem Krieg als Wohnhaus bzw. Bürogebäude genutzt.
Mutter: Von den Fotos her würde ich auf Hutbergstraße tippen. Also das 1. Foto."

Der Ursprung für den folgenden Text sind Beiträge aus dem Forum "Storming Brains", in dem ich Mitglied bin:

Die Wochenkrippe war also damals eine ideologische und logistische Maßnahme zur Befreiung der weiblichen Arbeitskräfte von der Mutterschaft.
Jetzt kann ich alle meine weirden Macken dahin schieben.Tatsächlich hat frühkindliche Säuglingsheimverwahrung weitreichende Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung (eben Hospitalismus), wobei es durchaus Überschneidungen mit Autismus und ADS gibt (Kommunikationsstörungen, fehlerhafte Mimikinterpretation, Ablenkbarkeit, Festhalten an Gewohnheiten).

Hervortretend sind aber im Gegensatz zu diesen: Angststörungen, Bindungsprobleme bis zur Unfähigkeit, Empathieminderung, Überanpassung, ausgeprägte Selbstständigkeit (niemanden brauchen, "Scheinbare Selbstständigkeit"), niedriges Selbstwertgefühl, gestörtes Gefühlsempfinden (deswegen psychosomatische Probleme). Ein Teil davon entsteht, weil der Stress Botenstoff Cortisol die Verarbeitung von inneren und äusseren Wahrnehmungen in verständliche Gefühle blockiert. Durch fehlende oder negative Spiegelung der Bezugsperson entsteht ausserdem möglicherweise "toxische Scham", bei der man sich als "falsch", "abstoßend", "wertlos", "überflüssig", "anders" und "nicht zugehörig" empfindet.

Bei mir trat folgendes auf: Ich konnte meine Gefühle oft nur mit Hilfe von einer anderen Person erkennen (Mimik). Ich fühlte mich oft wie ein totes Stück Holz und hatte auch keine gute Temperaturwahrnehmung. Bei stressigen Situationen gerate ich manchmal in einen Totstellreflex (Freezing) oder wechsele in eine Art äusseren Betrachter, der nur zuschaut oder schlagfertig lakonisch kommentiert. Ich kann aber auch einfach nur „funktionieren“, eine Art Robotermodus, in dem ich arbeite, ohne auf mich selbst zu achten. Ich hatte und habe, aufgrund von stressbedingten Verspannungen und Fehlhaltung Schmerzen in den Muskeln am ganzen Körper. Ich bin wenig emphatisch und kann Emotionen anderer Menschen schlecht zuordnen.
Meine Frau merkt noch an, dass ich von meiner Familie entfremdet bin, mich nicht über Erfolge freuen kann und meine Gefühle und Wünsche schwer verbalisieren kann.

Ich nehm natürlich auch gleich, sowie auch viele andere Wochenkinder, an einer Psychostudie der Uni Rostock teil, sollen ja auch ein paar Doktoranden was von meiner Macke haben.

Ich habe es erst jetzt komplett erfahren, vorher war ich nur von einem Jahr Wochenkindergarten ausgegangen. Ich habe kaum Erinnerungen daran, da war ich zu klein. Nur wenige Bilder. Scheint also nicht so spannend gewesen zu sein.

Ja, man bleibt dabei die ganze Arbeits-Woche im Heim, auch nachts. In einem Schlafsaal mit vielen anderen Kindern und einer Aufsicht. Grausam ist nicht das Heim an sich, es ist sogar ganz nett da. Fehlt nur die persönliche Zuwendung. Jedes Kind bekam pro Tag durchschnittlich eine halbe Stunde Aufmerksamkeit von einem Erwachsenen. Es ist eine Art schmerzlose (weil man sich nicht daran erinnert) Operation, nachder man nicht mehr richtig fühlen kann oder man selbst ist. Wie es in dem Buch „Der Goldene Kompass“ mit den Kindern und ihren Tierdämonen passiert. Die DDR an sich war nicht für alle Kinder schlecht. Nur für die die Pech hatten.

Wütend bin ich, aber eher diffus. Nach all der Zeit kann man das an niemandem mehr auslassen ausser meiner Mutter und selbst die ist 72. Das bringt nix mehr. Sie war damals alleinerziehend, musste arbeiten und bekam keinen Tageskrippenplatz, der auf dem Arbeitsweg lag und wo die Krippe lang genug geöffnet hatte. Mein Vater ist damals nach Westdeutschland ausgereist. Bezugsperson war meine Urgroßmutter, bei der ich oft meine Wochenenden verbrachte. Die war allerdings damals 74 Jahre alt, also begrenzt bespielbar.

Die Betreuung im Heim lief nach dem Uhrwerk, ein Pfleger auf 10 Kinder. Sobald man laufen konnte, wurde eventuell sogar ein Tambourin benutzt, um das Taktgefühl zu verbessern. Marschieren rund um den Tisch und dergleichen habe ich auch am Wochenende mit meiner Uroma gemacht.

Zusammenfassung des Zoom-Treffens zum Thema "Wer bin ich wirklich?" (26.06.2025)

Aus unserer Angebotsreihe   "Wochenkinder Sachsen" : Der Moment des Erfahrens über die Wochenkrippe führt oft zu einem ganz neuen ...