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Freitag, 30. Januar 2026

Was unseren Online-Austausch ermöglicht

Liebe ehemalige Wokis,

wenn Ihr Euch für unser Zoomtreffen "Wochenkinder Sachsen" (Link) angemeldet habt, bitten wir Euch, die folgenden Grundvoraussetzungen für einen gelingenden Austausch zur Kenntnis zu nehmen:

Bitte seid pünktlich.
Wir sind bereits 15 Minuten vor Beginn des Treffens online, um gemeinsam Mikrofone und Kameras zu testen oder bei Neuanmeldungen erste Fragen zu klären.


Die Grundsätze unseres Miteinanders: 

  • Austausch von Betroffenen für Betroffene
  • Erzählen freiwillig, Zuhören achtsam, Unterschiede willkommen
  • Wir Moderator:innen sind selbst ehemalige Wochenkinder und halten den Rahmen
  • Vertraulichkeit ist für uns selbstverständlich


Weitere Informationen findet Ihr unter dem Stichwort "Digitale Selbsthilfe", hier weiterlesen 

Donnerstag, 29. Januar 2026

Zusammenfassung des Zoom-Treffens zum Thema "Erinnerungen" (04.12.2025)

Aus unserer Angebotsreihe Wochenkinder Sachsen:

Die ersten Erinnerungen an die frühe Kindheit und Wochenkrippenzeit sind oft die Erinnerungen von unseren Eltern oder Verwandten (in Ausnahmefällen sogar ehemalige Krippenschwestern oder Erzieherinnen), wenn sie denn Auskunft geben wollen. Dabei wurden als Beispiel das Bringen in die und das Abholen von der Wochenkrippe erwähnt. Eigene Erinnerungen gibt es bei vielen Teilnehmenden nicht. 

Der Impfausweis gibt häufig einen Aufschluss, wo sich die Wochenkrippe befunden hat und wie lang der Aufenthalt darin andauerte. Die Gebäude der ehemaligen Wochenkrippen sind teilweise erhalten und man kann sie noch besuchen oder sich zumindest von außen anschauen. Leider stellen sich hier selten Erinnerungen ein. Einige der Teilnehmenden jedoch erinnerten sich an Räume, Gerüche oder Lichtverhältnisse. 

Ich selbst (Rico) erinnere mich an den Schlafsaal und ans Zubettgehen am Abend im Wochenheim und in der Wochenkrippe, sowie an die langen Busfahrten hin und zurück und an die Haltestelle. Gelegentlich erinnert man sich auch an bestimmte Situationen oder Menschen. Selbst wenn es Erinnerungen gibt, können die Gefühle dazu möglicherweise nicht gefühlt werden. Mehrere anwesende ehemalige Wochenkinder erlebten beispielsweise ein immer wiederkehrendes schmerzliches Gefühl der Trauer und Wut.

Ein weiterer Zugang zur Erinnerung sind Träume oder Flashbacks, in denen man sich selbst sieht oder die Räume der Wochenkrippe vor dem inneren Auge auftauchen. Oft gibt es leider keine oder nur wenige Fotos von uns, während von Geschwistern, die nicht in die Wochenkrippe gebracht wurden, mehr Fotos existieren und in den Familienalben aufbewahrt sind.

Als Hilfsmittel zur Erinnerung wurden psychoaktive Substanzen (unter psychiatrischer Begleitung!), Hypnose, Bilder malen, kreatives Schreiben, alte Dokumente und Gespräche genannt bzw. in therapeutischen Kontexten als auch in Selbsterfahrung angewendet.

Drei Fragen standen am Ende unseres Austauschs im Raum: Will man sich überhaupt erinnern oder hat man Angst davor? Öffnet das Reden über die Wochenkrippe mehr Wunden, als es schließt? Ist die Erinnerung an die Wochenkrippe eine unserer Lebensaufgaben?

(Rico) 

Dienstag, 27. Januar 2026

Zusammenfassung des Zoom-Treffens zum Thema "Bindungsangst" (30.10.2025)

Aus unserer Angebotsreihe Wochenkinder Sachsen:

Bindungsangst – Nähe oder Distanz fürchten

Die Bindungsangst wurde im Gespräch als ein schwer greifbares Phänomen beschrieben. Oft zeigt sie sich paradox: Mit zunehmender Nähe zu Freundinnen oder Partner/innen kann ein Impuls zum Rückzug entstehen. Nähe fühlt sich schnell „zu viel“ an, während zugleich die Angst vor noch mehr Nähe wachsen kann. Gefühle lassen sich eventuell schwer zulassen oder bleiben bei Zärtlichkeiten gedämpft. Von mehreren Teilnehmenden wurde ein starkes Sehnen nach Beziehung erwähnt und zugleich das Erleben, dass die Beziehung selbst überfordert.

Wenn Nähe den Selbstwert berührt

Freundschaften bleiben häufig an der Oberfläche oder zerbrechen. Selbstwertfragen drängen sich auf: Warum sind andere überhaupt an mir interessiert? Daraus entstehen manchmal reale oder vermeintliche Erwartungen an die eigene Rolle: Was erwarten die anderen von mir? Kann ich das erfüllen? Solche Unsicherheiten können sich aufschaukeln, bis sie kaum noch auszuhalten sind. Nach Begegnungen folgt mitunter ein schmerzhafter Einbruch: Die zwischenzeitliche Trennung wird stark erlebt.

Unsichtbare Grenzen

Beim Aufbau und der Entwicklung von Bindungen gibt es häufig unsichtbare Grenzen, an die man selbst oder der/die Partner/in stößt. Neue Menschen kennenzulernen fällt oft leicht, sie wirklich nahe an sich heranzulassen hingegen nicht. Vertiefen sich Beziehungen, tauchen dann Schwierigkeiten auf. Umgekehrt kann auch Ängstlichkeit entstehen, wenn andere nicht greifbar oder unzuverlässig wirken: Wenn Nachrichten ausbleiben oder das Gefühl von Bindungsverlust aufkommt.

Angst vor Trennung – Angst vorm Grenzen setzen

Ängste können bereits ausgelöst werden, wenn der/die Partner/in das Haus verlässt oder zurückkehrt. Als ein weiteres Spannungsfeld wurde die Trennungsangst beim Setzen von Grenzen beschrieben: Die Sorge, den anderen zu verlieren, wenn man eigene Bedürfnisse klar formuliert. Als mögliche biografische Auslöser wurden frühe und wiederholte Trennungen von Bezugspersonen genannt, etwa durch Wochenkrippen oder lange Abwesenheiten.

Kontrolle zurückgewinnen

Wirkt eine Beziehung unzuverlässig, wird sie manchmal beendet, um das Gefühl von Kontrolle zurückzugewinnen. Auch der Kontakt zu den Eltern kann belastet sein, wenn sie in prägenden Zeiten emotional oder körperlich nicht verfügbar waren. Das Beenden von Beziehungen (oder das Verlassenwerden) kann dann lähmende Ängste auslösen. Beziehungen werden vorsorglich so gestaltet, dass ein schneller Ausstieg möglich bleibt.

Dosierte Gefühle

Manche der Teilnehmenden blenden Beziehungen zeitweise aus, wenn kein Kontakt besteht. Gefühle werden „eingefroren“ oder auf Sparflamme gestellt und beim Wiedersehen wieder aktiviert. So entsteht eine dosierte Partnerschaft, die helfen soll, eine emotionale Überforderung, den „sozialen Kater“, zu vermeiden.

Zwei Bindungstypen

Häufig wird zwischen verschiedenen Bindungstypen unterschieden. In unserem Gespräch ging es um den vermeidenden Typ, der viel Freiraum benötigt, und dem anhänglichen Typ, der stark nach Nähe sucht. Ob diese Muster geschlechterspezifisch verteilt sind, war umstritten. Einig waren wir uns jedoch darin: Diese beiden Typen geraten in Partnerschaften sehr wahrscheinlich in eine belastende Dynamik.

Verstehen als erster Schritt

Eine vermeidende Bindung kann entstehen, wenn Eltern Liebe nur sporadisch geben konnten oder wollten. Entscheidend ist, die eigene Bindungsdynamik zu erkennen: Welcher Typ bin ich? Welche Schutzstrategien habe ich früh entwickelt? Ebenso wichtig ist das Verständnis für das Verhalten des Gegenübers. Dieses Verstehen ist kein Etikettieren, sondern kann ein erster Schritt sein, um Beziehungen bewusster, freier und freundlicher zu gestalten.

(Rico)

Sonntag, 11. Januar 2026

Wurzeln im Winter

Überregionaler Workshop für ehemalige Wochenkinder


28. Februar – 1. März 2026 | Gotha


„Wurzeln im Winter“ ist eine Einladung, den eigenen Spuren zu folgen, dorthin, wo Kälte und Nähe, Verlust und Lebendigkeit sich begegnen. Mit Spiel und Bewegung suchen wir nach dem, was trägt, wenn alte Geschichten wieder in Fluss kommen. 


Wer früh gelernt hat, ohne Nähe auszukommen, trägt oft Spuren, die sich erst spät in Beziehungen, im Körper, im Gefühl von Zugehörigkeit zeigen. Wir erforschen unseren Körper, unsere Stimme und mit Spiel, was die frühen Erfahrungen in uns bewegt haben und was sich heute verwandeln lässt.


Es sind keinerlei Vorkenntnisse erforderlich - es ist alles in dir. Es darf gelacht, gezweifelt und gestaunt werden. Denn selbst im Frost gibt es Orte, an denen Wärme wächst.


Leitung


Lykke Langer

Autorin, Regisseurin und Coach, hier weiterlesen


Organisatorisches

28.02. - 01.03.2026 in Gotha

Eigenbeitrag ca. 50 € (nach solidarischem Prinzip)

Anmeldung & Kontakt: gotha@wochenkinder.de


Mittwoch, 24. September 2025

1. Bundesweites Woki-SHG-Moderatorentreffen in Potsdam, 19.09.-21.09.2025

Wir reisten am Freitagmittag von Dresden nach Potsdam und trafen uns dort mit Mitgliedern des Vereinsvorstands des Wochenkinder e.V. und Moderator/innen der Selbsthilfegruppen aus Berlin, Potsdam, Mecklenburg-Vorpommern, Leipzig, Gotha, Stuttgart & NRW im Bürgerhaus "Sternzeichen" zu einer Vorstellungsrunde. Über 20 ehemalige Wochenkinder, die derzeit mit der Gründung, Organisation oder der Moderation ihrer örtlichen Selbsthilfegruppe ehrenamtlich betraut sind, kamen zu diesem ersten überregionalen Arbeitswochenende und Erfahrungsaustausch zusammen.


Danach trafen wir uns in einem italienischen Restaurant zum Abendessen.
Für den weiteren Abend hatten unsere Potsdamer Gastgeber/innen eine öffentliche Lesung mit Anja Reich organisiert. Die Autorin stellte dort ihr 2023 erschienenes Buch "Simone" vor. Es wurden zahlreiche Fragen zum Schicksal des ehemaligen 
Wochenkindes Simone († 1996) gestellt, aber auch zur aufwändigen Recherchearbeit der in Berlin lebenden Journalistin. Ihre persönliche Betroffenheit von Simones Geschichte war dabei besonders eindrucksvoll spürbar. Sehr empfehlenswert in diesem Zusammenhang auch dieses Podcast-Interview mit ihr.


Am nächsten Morgen stellten die Moderator/innen jeweils ihre Selbsthilfegruppen vor und berichteten über ihre individuelle Sichtweisen und Ansätze bei der Gestaltung von Selbsthilfe. Dabei kamen Herausforderungen zur Sprache, wie die Beantragung von Fördergeldern, Überwindung von räumlichen Distanzen und Verteilung von Aufgaben. Hier könnt Ihr unsere Dresdner Präsentation einsehen und nachlesen.

Danach wurde der Wochenkinder e.V. noch einmal vorgestellt, mit seinen Aufgaben, Projekten und Visionen. Anschließend teilten wir uns in vier "Arbeitsgruppen" auf, zu den Themenfeldern: 1. Vereinsarbeit, 2. Öffentlichkeitsarbeit, 3. Kommunikation (SHGs untereinander und Verein zu SHGs) 4. Wissenschaft (historische Recherche). 

Jede Gruppe wurde zu einem ersten Brainstorming gebeten, um zu diesen Themen neue Ideen zu entwickeln und im besten Fall diese sogar schon anzuschieben. Hinterher wurden die ersten Ergebnisse allen im Plenum noch einmal vorgestellt. Daüber hinaus wurden bereits weitere Moderatorentreffen, auch an möglichen anderen Orten, sowie der damit verbundene Orga-Aufwand andiskutiert. 

Der inhaltlich kompakte und insgesamt für alle sehr anstrengende Samstag klang mit einem gemeinsamen Abendessen in einem japanischen Restaurant aus.

Am Sonntag schließlich kamen wir noch einmal zusammen, um ein Fazit der Veranstaltung zu ziehen. Das eigentliche Highlight bildete ein Workshop mit der Psychologin Katharina Kautsch, der ursprünglich mit dem Titel „Trauma: Was hat das mit uns Wochenkindern zu tun? Und bedeutet das „lebenslänglich“ oder (wie) wird man das wieder los?“ angekündigt war. Aufgrund der Fülle der Informationen an beiden vorangegangenen Tagen überwog jedoch bei den noch anwesenden Teilnehmer/innen der Wunsch nach praktischer Selbstfürsorge. Diesem wurde durch Katharina mit Entspannungsübungen und meditativen Fantasiereisen in bester Weise entsprochen. Nach und nach transformierten sich Müdigkeit und Anspannung - laut Feedback- & Abschiedsrunde - bei den meisten von uns, in ein angenehmes Gefühl freudiger Präsenz.

Einen kleinen Eindruck einer geführten Meditation von Katharina bekommt Ihr hier, welche aber nicht aus dem Treffen stammt, sondern aus dem Jahr 2021.

Rundum bereichert nach Dresden zurückgekehrt, senden wir von hier aus nochmals herzlichste Dankesgrüße an die Organisator/innen vom Wochenkinder e.V.  👏👏 für dieses intensive, informative und liebevoll gestaltete Potsdamer Treffen! 


Rico & Cornelia

Montag, 15. September 2025

Zusammenfassung des Zoom-Treffens zum Thema "Wünschen" (28.08.2025)

Aus unserer Angebotsreihe "Wochenkinder Sachsen":

Am Beginn unseres Treffens gab es als "Warmup" eine erste kurze Wunschrunde. Die meisten der Wünsche bezogen sich auf eine gegenseitige Bereicherung und gemeinsamen Erfahrungsaustausch.

Schwierigkeiten, Wünsche auszusprechen

Als wesentlicher gemeinsamer Nenner dieses Zoom-Treffens erwies sich die grundsätzliche Schwierigkeit, eigene Wünsche klar zu formulieren und auszusprechen. Mehrere Teilnehmende berichteten, wie schwer es ihnen fällt, ihre Wünsche zu benennen. Dies ergäbe sich teilweise aus Unsicherheiten, inneren Begrenzungen oder der Angst, sich zu viel zu wünschen oder nicht verstanden zu werden. Diese Hemmungen wurzelten häufig in früheren Lebenserfahrungen, etwa in der Kindheit, in der Wünsche ignoriert, abgelehnt oder nicht ernst genommen wurden. Dadurch entstand eine Art Selbstzensur oder der Impuls, Wünsche gar nicht erst zu äußern, um Enttäuschungen oder Konflikte zu vermeiden.

Wünsche oder Bedürfnisse?

Die Diskussion zeigte, dass es zu Unsicherheiten und Verwechslungen zwischen Wünschen und Bedürfnissen kommen kann. Bedürfnisse wurden als grundlegender und oftmals schwerer zu benennen empfunden, weil sie Verletzlichkeit und Abhängigkeit offenbaren. Wünsche hingegen wirken oft zugänglicher, können aber ebenfalls mit inneren Konflikten verbunden sein. Für manche war es leichter, Wünsche zu formulieren als Bedürfnisse, da letztere als Schwäche oder Machtübergabe an andere erlebt wurden.

Kindheitserfahrungen und ihre Folgen

Kindheitserfahrungen spielten bei unseren Erzählungen eine zentrale Rolle im Umgang mit Wünschen. Viele berichteten von negativen Erfahrungen, wie abgelehnten oder ignorierten Wünschen, die Frustration, Enttäuschung und ein Gefühl der Ablehnung auslösten. Solche Prägungen können dazu führen, dass man später große oder tiefgehende Wünsche nicht äußert. Deutlich wurde auch, dass Wünsche nicht nur materielle Dinge betreffen, sondern ebenso emotionale Bedürfnisse nach Nähe, Anerkennung, Sicherheit und Frieden.

Wünsche als Sehnsüchte

Wünsche wurden auch als Ausdruck von Sehnsüchten verstanden, die sich oft auf Zugehörigkeit, Verständnis, Freiheit und Selbstverwirklichung beziehen. Sie spiegeln den Wunsch wider, das eigene Leben zu gestalten und sich selbst besser zu verstehen. Dabei spielen auch gesellschaftliche und familiäre Erwartungen eine Rolle, die den Raum für eigene Wünsche einengen oder beeinflussen können. Einige Teilnehmende äußerten den Wunsch nach mehr Raum, Leichtigkeit und Weite – sowohl im physischen als auch im psychischen Sinne.

Wie umgehen mit unerfüllten Wünschen?

Unerfüllte Wünsche führten zu Emotionen wie Enttäuschung, Angst, Wut und Frustration. Viele hatten gelernt, sich mit weniger zufrieden zu geben, um Enttäuschungen zu vermeiden. Zugleich wurde der Wunsch nach einem besseren Umgang mit diesen Erfahrungen deutlich – etwa durch eine versöhnliche Erzählweise, die negative Erlebnisse ohne Schuldzuweisungen integriert.

Vielschichtige Einflüsse der Familie

Familiäre Beziehungen, insbesondere die zu Eltern und Geschwistern, prägen stark, wie Wünsche erlebt und ausgedrückt werden. Neid, Eifersucht und unerfüllte Erwartungen spielten ebenso eine Rolle wie Projektionen elterlicher Wünsche auf die Kinder. Oft mussten eigene Wünsche zurückgestellt oder angepasst werden, um familiären Anforderungen gerecht zu werden. Dies hatte Auswirkungen auf das Selbstbild und die Fähigkeit, authentische eigene Wünsche zu erkennen und zu leben.

Im Erwachsenenalter verändern sich Wünsche. Sie werden differenzierter und komplexer. Wir reflektierten über die Kindheit und deren Einfluss auf ihre heutigen Wünsche und Bedürfnisse. Es entstand der Wunsch nach mehr Balance zwischen persönlichem Leben und familiären Verpflichtungen sowie nach mehr Raum für eigene Anliegen. Zugleich wurde Bescheidenheit als Strategie beschrieben, um Enttäuschungen zu vorzubeugen.

Rechtfertigung, Akzeptanz und Selbstwahrnehmung

Ein weiteres Thema war die Frage, warum Wünsche oft einer Rechtfertigung bedürfen. Kritisch wurde hinterfragt, weshalb Wünsche nicht einfach akzeptiert werden können, ohne Begründungen zu liefern. Die Forderung nach einem neuen narrativen Umgang mit Wünschen und der eigenen Lebensgeschichte wurde deutlich – einer Erzählweise, die weniger kritisch und mehr versöhnlich ist und Raum für Akzeptanz schafft. Der Wunsch wurde formuliert, offener und vielfältiger über die Wochenkindervergangenheit zu erzählen.

Mehrere Teilnehmende verbanden diese Wünsche mit dem tieferliegendem Bedürfnis, sich selbst besser zu verstehen und anzunehmen. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie, insbesondere mit schwierigen Kindheitserfahrungen, wurde und wird als Lernprozess erlebt, der Heilung und Normalisierung ermöglicht. 

Eine wichtige Frage, die das leibliche Spüren betraf, lautete: Wo in mir kann ich meine Wünsche wahrnehmen?

Rituale und Selbstfürsorge


Kurz vor Ende des Treffens wurde die Bedeutung von Ritualen wie Geburtstagen erörtert. Hier spiegelten sich persönliche Einstellungen und Wünsche wider, die sich im Laufe des Lebens bei den meisten von uns verändert haben. Für die Mehrheit stand weniger das "materielle" Feiern im Vordergrund, sondern das bewusste Erleben und Gestalten des Tages, verbunden mit mehr Selbstfürsorge. 


Insgesamt wurde der Austausch in der Gruppe als bereichernd erlebt, da er neue Denkanstöße und Aha-Momente eröffnete. Im Mittelpunkt standen gegenseitige Anregung, Unterstützung und das Gefühl, verstanden zu werden. Besonders der geschützte Rahmen ermöglichte es, Wünsche und Bedürfnisse auszusprechen – trotz aller Schwierigkeiten bei ihrer Formulierung.


In einer abschließenden Runde wurden weitere Folgethemen für unsere nächsten Zoomtreffen am 30.10. und 04.12.25. beraten und abgestimmt.

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Ich möchte an dieser Stelle noch zwei weitere Anregungen ergänzen:

Erstens: statt direkt zu fragen, "Was wünsche ich mir?" kann es leichter sein, sich diese Fragen zu beantworten: 

Was mag ich? 
Wo bin ich gerne?
Bei wem bin ich gerne? 
Welche Dinge benutze ich gerne? 
Worüber denke ich oft nach? 
Wovon "tagträume" ich häufig? 

Zweitens: Zum Thema Trauma und Wünsche möchte ich auf Eugen Drewermanns tiefenpsychologische Deutung des Grimmschen Märchens „Das Mädchen ohne Hände“ verweisen. Seine "2. Sommervorlesung 2023: Märchen als Therapie" - hier in diesem Videobeitrag - sei dazu allen Interessierten wärmstens empfohlen.

(Rico)

Montag, 8. September 2025

SHG-Treffen, 19.07.2025

Unser viertes diesjähriges Präsenztreffen begann in den Räumen von jungagiert e.V. mit einem schönen Willkommensgruß: Blumen, Getränke und die herzliche Gastfreundschaft gaben uns gleich das Gefühl, am richtigen Ort zu sein.



Zum Ankommen wagten wir ein kleines Sommer-Spiel: Was hat unser Vorname mit einem Urlaubsland zu tun? Und wo kommt er eigentlich her? Diese Erinnerungsreise in die eigene Namensgeschichte brachte uns ins erste Erzählen und durchaus ins abenteuerliche Gefühl des Staunens.


Danach öffneten wir den Raum füreinander: Wir stellten uns noch einmal kurz vor, beschrieben, wie wir gerade da sind, und sammelten mitgebrachte Anliegen, Wünsche und Themen. 



Gemeinsam schauten wir, was heute "obenauf" liegt und was für weitere Treffen aufgehoben werden sollte. Mit dem Satz „Ich gebe weiter an …“  kam jedeR von uns zu Wort, bis alle gehört worden waren.

Unsere mitgebrachten Impulse, Wünsche & Fragen: Buchtipps, Empfehlung für eine Workshop-Referentin zum "Inneren Kind" für 2026, Wie lerne ich zu Entscheidungen stehen? Wie ist die rechtliche Situation bei der Anerkennung von Schwerbehinderung durch frühkindliche Traumata? Wie kann die SHG als gemeinsame Kraft bei Anerkennungsverfahren helfend unterstützen? Ist "Aufopferung" ein Muster der Wochenkinderprägung? Wie gehe ich positiv mit Mangelerfahrungen (z.B. Hunger, Bedürfnisse nach Nähe) um? Wie unterscheiden wir die kollektiven von individuellen biografischen Erfahrungen voneinander? Welche Erfahrungen gibt es mit "Ersatzeltern"? Fortgesetztes Interesse am Austausch zu Körpertherapien, siehe SHG-Treffen vom 23.05.25, Wie finde ich einen guten Therapeuten? ...

Die Auswahl eines gemeinsamen Themenschwerpunktes erwies sich zunächst als gar nicht so einfach. Letztlich entschieden wir uns via Abstimmung dafür, erste Gespräche über Urvertrauen, Bindung und Bindungsstörung miteinander zu führen.



In kleinen Dreiergruppen erkundeten wir eigene Erfahrungen, fanden Bilder und Worte für das, was uns gerade beschäftigt oder aufgrund der frühen Prägungen durch die Wochenkrippe belastet. Eine kurze Pause beendete diese Runden und führte im Anschluss im Plenum die Gesprächsfäden wieder zusammen. 


Zu unsere eigenen Überraschung bemerkten wir, dass jede Gruppe andere Aspekte und neue Gedankenansätze einbrachte und wie daraus zugleich ein gemeinsamer Teppich wuchs.



Zum Abschluss fragten wir uns: 

  • Welche alltagstauglichen Strategien zur Selbstbewältigung und -regulation (Coping) haben wir als ehemalige Wochenkinder bereits entwickelt? 
  • Welche therapeutischen Wege haben uns geholfen, tiefgreifende Bindungsstörungen oder -Traumata zu bearbeiten - und vielleicht sogar in heilsame Beziehungsfähigkeiten zu verwandeln? 
  • Was lässt sich aus dem "Wochenkinder-Rucksack" mit neuen Augen oder in anderer Weise betrachten?


Und schließlich:

  • Welche Themen oder Fragen haben uns in diesem Treffen besonders berührt und an welche wollen wir beim nächsten Mal wieder anknüpfen? 

Unsere Abschiedsrunde endete mit der Einladung zu einem wertschätzenden persönlichen Feedback sowie einem Ausblick auf nächste Zusammenkünfte unserer SHG:


Kreativgruppe „WG 6“ am 1. August & 5. September

Woki-Stammtisch am 21. August

Zoom-Treffen „Wochenkinder Sachsen“ am 28. August

Präsenz-Treffen am 20. September


Informationen und Anmeldung hier


(Cornelia)

Donnerstag, 28. August 2025

Zusammenfassung des Zoom-Treffens zum Thema "Wer bin ich wirklich?" (26.06.2025)

Aus unserer Angebotsreihe "Wochenkinder Sachsen":

Der Moment, in dem Betroffene von ihrer Zeit in der Wochenkrippe erfahren, führt oft zu einer ganz neuen Auseinandersetzung mit sich selbst und den Eltern. Manche wussten es schon immer, andere haben es erst vor kurzem erfahren. Die, die es schon früh wussten, haben die Bedeutung dessen trotzdem erst viel später erfasst, zum Beispiel in einer Therapie. Diejenigen, die es erst vor kurzem erfahren haben, haben auch oft gar keine eigenen Erinnerungen an diese Zeit und müssen mühsam bei ihren Verwandten nachforschen. Und viele von uns haben sich schon lange gefragt, „Was ist eigentlich mit mir los?“

Befreiung durch Erkenntnis

Mit dieser Erkenntnis, ein sogenanntes  "Wochenkind" gewesen zu sein, lichten sich plötzlich viele Dinge und man fühlt sich wie befreit. Entscheidend ist dabei zu verstehen, dass eventuelle Probleme und Symptome nicht persönlichkeitsbedingt sind, sondern von außen verursacht wurden, auch wenn sie lange, zum Teil bis in die Gegenwart nachwirken.

Individuelle Impulse wurden möglicherweise in der Wochenkrippe unterdrückt. Wohlwollende Aufmerksamkeit gab es vielleicht nur gegen Gehorsam und die meisten Dinge gehörten einem nicht, sondern mussten geteilt werden. Das erschwerte bis heute den Zugang zu eigenen Wünschen und eigenem Selbsterleben (bis hin zur Identität) und zu den Empfindungen. Diese erscheinen oft wie verschleiert oder wie ein blinder Fleck. Manche von uns fühlen sich wie „unsichtbar“, „fremd“, „nicht zugehörig“.

Hemmungen und Verstellungen

Exponierte Situationen, in denen man im Rampenlicht oder Führungsrollen steht, wurden als unangenehm beschrieben. Der Wunsch nach Privatsphäre, also einem sicheren Rückzugsort, kann übermächtig werden. Umgekehrt kann Privatsphäre auch fremd erscheinen, sodass man sich nirgends wirklich sicher fühlt. Manche ziehen sich in die eigene Gedankenwelt zurück.

Zum Selbsterleben gehört auch oft auch ein eingeschränktes Körpergefühl. Ebenso kann die Empathie für andere Menschen „verstellt“ wirken. Entweder werden Gefühle nur schwach wahrgenommen oder sie erscheinen, überdeutlich, überwältigend und viel zu "laut". 

Dieses Empfinden spiegelt sich auch im Verhalten wider.
 Manche tun zu viel oder zu wenig für andere, manche kommunizieren zu spät – und dann zu laut. Körpersprache oder Emotionen bleiben unausgedrückt oder wirken unpassend. Gut reguliertes Verhalten muss oft erst erlernt werden, um Beziehungen als bereichernd erleben zu können.

Schatztruhenrunde – Ressourcen und Stärken


Trotz dieser frühkindlichen Prägungen als ehemalige Wochenkinder entwickelten und bewahren wir besondere Fähigkeiten oder müssen erst lernen, sie als solche zu anzuerkennen. Folgende Schätze konnten aus unseren "Truhen" benannt und miteinander gewürdigt werden:

Resilienz, Durchhaltevermögen, Anpassungsfähigkeit, Sensibilität, Neugier, Offenheit, Kritikfähigkeit, Uneitelkeit.


„Ich darf mir meinen Raum heute selbst gestalten“, sich selbst annehmen und das Leben entsprechend anpassen 

die Vergangenheit neu verstehen, die eigene Schatzkiste suchen, weniger machen lernen, Bedürfnisse erkennen.


von Menschen als wertvoll wahrgenommen werden, sich seinen Raum bewahren und zugleich öffnen, Menschen suchen, die gut tun, Gefühle auch überspielen können.


das Anderssein bejahen, ein leiser Mensch sein, Perfektionismus reflektieren, den Moment (die Gegenwart) aushalten, Menschenkenner/in geworden zu sein

(Rico & Cornelia) 

Montag, 14. Juli 2025

Zusammenfassung des Zoom-Treffens zum Thema „Abschiede“ (05.09.24)

Aus unserer Angebotsreihe "Wochenkinder Sachsen":

Einige von den Teilnehmer/innen erzählten, es sei für sie einfacher, sich von Personen zu verabschieden, die sie mögen und wenn der Abschied nicht von Dauer ist. Oder: Es sei besser zu verlassen, als verlassen zu werden, um Verletzungen zu minimieren. Oder: Aus schwierigen Beziehungen verabschiede man sich meistens zu spät und im Streit. Andere teilten die Beobachtung: Eventuell komme die Trauer nach einem Abschied verzögert oder äußere sich durch unklare Gefühle oder körperliche Phänomene. Manche empfinden beim Abschied aber auch nichts. 

Einen unangenehmer Beigeschmack entstünde, wenn sich Menschen nicht verabschieden oder kommentarlos zurückziehen würden. Dann bliebe immer das „Warum?“ zurück. Der Abschied als solches sei wichtig als menschliches Ritual, als Höflichkeitsform. Zum Beispiel bei Seminaren oder Fortbildungen könne ein einfaches Verschwinden als unhöflich oder als Desinteresse an der eigenen Person empfunden werden.

Todesfälle, als Abschiede für immer, sind für die meisten schwer zu ertragen, besonders wenn diese plötzlich auftreten oder nicht darüber kommuniziert wird. Hier würde sich mancher von uns trotz fortgeschrittenen Lebensalters besonders hilflos fühlen, was auch als Empathielosigkeit gedeutet werden könnte.

Frühkindliche Abschiede

Das Leben von Wochenkindern begann mit einer schweren Last, es erfordert Mut und Vertrauen, negative Gefühle auszuhalten. Beim jähen Abbruch der Beziehung zur Mutter bei der Übergabe an die Wochenkrippe am frühen Montagmorgen war es jedesmal unklar, wann und ob sie wiederkommt. Der Abschied in der Wochenkrippe verlief in der Regel sehr kurz und schnell, daher bevorzugen heute noch einige von uns offenbar lieber schnelle Abschiede.

Beim Thema „Kontakt-halten“ waren wir uns einig, dass einseitiges Kontakt-halten insbesondere mit "Bezugspersonen", wie Eltern, Partnern, oder "Familie" sehr anstrengend ist. Es kam die Empfehlung, sich aus einseitigen Kontakten auch „in Liebe zu verabschieden“ - anstelle von "Trennung" oder "Abbruch" lässt man freundlich los. Diese Form des "kontrollierten Abschieds" ermöglicht - sollte sie in Erwägung gezogen werden - eine spätere Wiederaufnahme der Beziehung.

Gerade Kontaktabbruch seitens von Lebenspartnern, Eltern(teilen), Geschwistern ... ist für viele von uns unerträglich und auf Grund der Wochenkind-Erfahrung psychisch schwer zu managen. Manchmal wurde bzw. wird dann eine Psychotherapie zur seelischen Stabilisierung notwendig. Diese Erfahrung bringt auch die Angst vor neuen Beziehungen mit sich, da hier von Beginn an schon Trennungsangst besteht. Manche ehemaligen Wochenkinder berichten, dass sie aus der Angst vorm Verlassenwerden heraus ihre eigenen Bedürfnisse an den Partner nicht mitteilen und ihre eigenen Grenzen nicht verteidigen.

Gestaltete Abschiede

Darüberhinaus haben wir gemeinsam über mögliche Abschiedsrituale gesprochen, die uns gut tun würden, die wir selbst schon erlebt haben oder die sich eigenen, um sie auszuprobieren und als Veränderungsoption im Umgang mit zukünftigem Abschiedserleben zu integrieren. Gestaltete Abschiede sozusagen, wie wir sie uns aus heutiger Sicht für uns wünschen würden, die sich mit solchen Abschiedsgrüßen: w.z.B. "Lebe wohl", "Alles Gute für Dich" oder "Glück auf!" wunderbar tiefsinnig ausdrücken lassen ...

So let's celebrate this! 👋👋  Lieben Dank für den Austausch, auf Wiedersehen & in Vorfreude auf die nächste Runde zum Thema "Gesundes Abgrenzen" am 07.10.24

Therapie-Tipp: Schematherapie nach Jeffrey Young

Buch-Tipp: Onno van der Hart "Abschiednehmen - Abschiedsrituale in der Psychotherapie", Junfermann Verlag, 2010, nur noch antiquarisch erhältlich.

 (Rico & Cornelia) 

Freitag, 11. Juli 2025

Zusammenfassung des Zoom-Treffens zum Thema "Gesundes Abgrenzen" (07.10.24)

Aus unserer Angebotsreihe "Wochenkinder Sachsen"


Mit einem ungewöhnlichen Blitzlicht begann unser digitales Zusammenkommen: „Wenn du heute ein Getränk wärst – welches wärst du?“ Diese bildhafte Einstiegsfrage öffnete einen ersten Raum für Selbstwahrnehmung. Die Antworten reichten von "gehaltvoll" bis "leer", von "still" über "medium" bis "prickelnd" und spiegelten damit bereits die Vielfalt unserer aktuellen inneren Zustände und Bedürfnisse wider.
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Was heißt "gesundes" Abgrenzen?


Im Zentrum unseres Austauschs stand die Frage, was „gesundes Abgrenzen“ im heutigen Leben bedeutet, vor dem Hintergrund unserer biografischen Prägungen als ehemalige Wochenkinder.


Babys und Kleinstkinder äußern ihre Grenzen nicht in Worten, sondern über Körpersprache, Stimmklang, Weinen, Unruhe oder Rückzug, sofern ihnen dafür Raum gegeben wird. Ihre Signale sind Ausdruck eines grundlegenden Bedürfnisses nach Schutz, Kontakt und Regulierung. Werden diese Signale übergangen, ignoriert oder als störend abgetan, passt sich das Kind an: Es reduziert seine Ausdrucksintensität, richtet sich nach außen aus und verliert allmählich den inneren Zugang zu seinen Bedürfnissen. Daraus können frühe Formen von Erstarrung, Überanpassung und eine tiefe Entfremdung vom eigenen Empfinden entstehen. 


Als Erwachsene setzen viele von uns heute oft Grenzen über Distanz. Im idealen Falle erlernen wir "Ich-Botschaften" zu formulieren oder bewusste Selbstsorge, doch nicht selten begleiten uns auch hier Unsicherheit oder innerem Konflikte. Was heißt also "Gesundes Abgrenzen"? Nicht nur „Nein“ sagen. Auch Möglichkeiten aufzeigen. Den eigenen Tanz- oder Spielraum erkennen und vertreten. Grenzen nicht als starre Mauern begreifen, sondern als bewegliche, lebendige Kontaktlinien. Rote Linien, energetische Rückzüge, klare „Stopp“-Signale. Unser Vokabular ist vielfältig, doch sind das Bewusstsein darüber und Abgrenzungsvermögen sehr unterschiedlich ausgeprägt.


Kontrollvakuum, Parentifizierung und die Nachwirkungen früher funktionaler Autonomie


Ein zentrales Bild, das im Gespräch auftauchte, war das des „Kontrollvakuums“. Dabei geht es nicht um das Fehlen von äußeren Regeln oder Strukturen, diese waren im Alltag von Wochenkindern sehr präsent. Vielmehr fehlte es an emotionaler Resonanz, an schutzgebender Beziehung und an einem echten, mitwachsenden Dialog über Bedürfnisse, Grenzen und Rollen.


Bei uns Wochenkindern der DDR, die ab der 6. Woche dauerhaft von Montag bis Freitag (manche bis Samstag) rund um die Uhr in Krippen untergebracht wurden, während die Eltern abwesend waren, entstand ein widersprüchliches Klima: Die Betreuungspersonen handelten nach einem ideologisch & klinisch geprägten Funktionsplan, der auf kollektive Erziehung, Anpassung an die Bedürfnisse der erwachsenen "sozialistischen" Welt und frühe Selbstständigkeit zielte. Erwachsene traten mit klaren Erwartungen auf, forderten vor allem eines: Funktionieren. 


Kinder sollten sich selbst beruhigen, sich selbst regulieren, möglichst früh und möglichst störungsfrei. Die Forscherin Heike Liebsch beschreibt diesen Zusammenhang in ihrem Buch „Wochenkinder in der DDR“ unter dem Begriff der „Selbstbedienung“ (S. 138–139): eine Form vermeintlicher Autonomie, die nicht auf innerer Reifung, sondern auf systemischer Notwendigkeit und frühzeitiger Anpassung basiert. In diesem System wurde das Kind nicht begleitet, sondern alleingelassen.


Das, was in gesunden Bindungsbeziehungen zwischen Eltern und Babys bzw. Kleinstkindern durch liebevolle Zuwendung, Co-Regulation und erfahrbare Grenzen entsteht, nämlich innere Orientierung und die Fähigkeit zur gesunden Selbstabgrenzung, blieb aus. Ein emotionales Vakuum entstand, überdeckt von einer funktionalen Oberfläche. Gleichzeitig kam es häufig zu einer sog. „Parentifizierung“, also einer Rollenumkehr: Das Wochenkind mußte emotionale Verantwortung für sich selbst übernehmen, und oft auch für die Bedürfnisse der Erwachsenen, anstatt selbst gehalten zu werden. Die Folge ist eine Rollenkonfusion: Wir wurden zu früh „groß“, übernahmen Pflichten, wo wir Schutz gebraucht hätten, unterdrückten Bedürfnisse, um Erwartungen zu erfüllen. Wir passten uns an, statt uns zu spüren oder - idealerweise - ein Gespür für gesundes Abgrenzen zu entwickeln.


Langzeitfolgen bis ins Erwachsenenleben


Solche frühen Prägungen und Beziehungserfahrungen wirken zumeist weit über die Kindheit hinaus: Viele von uns haben bis heute Schwierigkeiten, eigene Grenzen wahrzunehmen und zu schützen, übernehmen zu viel Verantwortung, auch im Erwachsenenleben. Wir erleben Intimität oder Abhängigkeit oft als bedrohlich oder unsicher, und haben häufig Mühe, für uns selbst zu sorgen, obwohl wir gelernt haben, uns zu versorgen. Die früh gelernte „Selbstbedienung“ war eine reine Anpassungsleistung, kein Ausdruck eines entwicklungsgemäßen inneren Lernprozesses. 


Gesunde Abgrenzung hingegen entsteht in Beziehungen, in denen Nähe und Distanz verhandelbar sind, in denen das Kind erleben darf, dass seine körperlichen und emotionalen Grenzen benannt, gespiegelt und respektiert werden. In DDR-Wochenkrippen jedoch verblieb das Baby und Kleinstkind allein inmitten scheinbarer Autonomie. Es wurde zur kleinen Erwachsenenrolle gedrängt, dazu konditioniert, dressiert, "kompetent" im Außen, aber oft unsicher im Innen.


Daher begleitet - mehr oder weniger bewußt - viele von uns bis in die Gegenwart die Frage: Wie kann ich Grenzen setzen, ohne andere zu verletzen und ohne mich selbst zu verlieren? Auch Themen wie Identität und Rollenklärung rücken in den Fokus: Wer bin ich, wenn ich nicht funktioniere? Wie gelingt es, mir selbst Raum zu geben, ohne schlechtes Gewissen? Abgrenzung zu zeigen nicht als Abwehr, sondern als Einladung: zur Selbstwahrnehmung, zur Präsenz, zur eigenen Erlaubnis zu sein.


Erwähnte Strategien aufgrund eigener Erfahrungen oder Erlebnissen waren u. a.: 

  • "Externalisierung" also das Sichtbarmachen und „Auslagern“ übernommener Muster. https://de.wikipedia.org/wiki/Externalisierung_(Psychologie)
  • Grenziehung als sachlicher, neutraler Vorgang, d.h. keine Drama-Inszenierung, sondern eine Form der Selbstklärung.
  • Respekt, sowohl für die eigenen Grenzen als auch für die der anderen.
  • Der Unterschied zwischen Grenzen setzen und Grenzen zeigen, insbesondere im Kontext von eigener Elternschaft.

Unser Austausch endete mit persönlichen Einsichten wie z.B. diesen: 

„Ich fühle mich bereichert, aber auch wie ein leeres Glas.“ „Ich frage mich, ob es mir besser gehen würde, wenn ich das Gespräch über gesunde Grenzen mit meiner Mutter geführt hätte - von Mutter zu Mutter.“ „Ich vermisse Herzlichkeit. Bin ich selbst eigentlich herzlich?“ „Man konnte uns nicht lesen, wir trugen Masken. 

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Offen blieben Fragen, die uns möglicherweise in unseren Alltagsbegegnungen noch länger begleiten werden: Wie gelingt Abgrenzung ohne Trennung? Wie umgehen mit dem Schmerz aus nicht gesetzten oder nicht respektierten Grenzen? Was kann ich meinem "inneren Wochenkind" heute an Möglichkeiten zeigen, statt nur an Regeln? Wo endet mein Raum und wo beginnt der der anderen?


Der Versuch eines Fazits: 


Gesundes Abgrenzen heißt für uns nicht nur Schutz, sondern Spielraum. …sich spüren statt sich verteidigen. …Verantwortung teilen, statt sie allein zu tragen.… der eigenen Herzlichkeit Raum geben. Und vor allem: „Gesundes Abgrenzen“ als elementares Bedürfnis in Beziehungen zu benennen – im Privaten wie im Gesellschaftlichen. Ein Thema, dem wir uns auch in unserer nächsten ZOOM-Runde am 05.12.24 unter dem Titel "Beziehung und Bedürfnis" weiter annähern werden.


(Cornelia)

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