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Donnerstag, 28. August 2025

Zusammenfassung des Zoom-Treffens zum Thema "Wer bin ich wirklich?" (26.06.2025)

Aus unserer Angebotsreihe "Wochenkinder Sachsen":

Der Moment des Erfahrens über die Wochenkrippe führt oft zu einem ganz neuen Auseinandersetzen mit sich selbst und seinen Eltern. Manche Betroffene wussten es schon immer, manche haben es erst vor kurzem erfahren. Die, die es schon früh wussten, haben die Bedeutung dessen manchmal trotzdem erst später erfasst, zum Beispiel in einer Therapie. Die, die es erst vor kurzem erfahren haben, haben auch oft gar keine Erinnerungen an diese Zeit und müssen mühsame Nachforschungen bei ihren Verwandten anstellen. Und oft haben sie sich schon immer gefragt, „Was ist mit mir los?“

Mit der Erkenntnis lichten sich dann plötzlich viele Dinge und man fühle sich wie befreit.
Wichtig sei es dabei, zu erkennen, dass eventuelle Probleme und Symptome nicht persönlichkeitsspezifisch sind, sondern von außen verursacht wurden, auch wenn sie lange Zeit nachwirken.

Individuelle Impulse wurden eventuell in der Wochenkrippe unterdrückt und wohlwollende Aufmerksamkeit gab es dort vielleicht nur gegen Gehorsam und die meisten Dinge gehörten einem nicht, sondern man musste sie teilen. Dadurch wurde der Zugang zu eigenen Wünschen und eigenem Selbsterleben (bis hin zur Identität) und -fühlen erschwert. Diese erscheinen oft wie verschleiert oder wie ein blinder Fleck. Manche fühlen sich wie „unsichtbar“, „fremd“, „nicht zugehörig“.

Exponierte Situationen, in denen man im Rampenlicht steht oder bei denen man die Führung übernehmen musss, wurden als unangenehm beschrieben. Der Wunsch nach Privatsphäre, also einem sicheren Rückzugsort, wird vielleicht übermächtig oder Privatsphäre wird zu einem Fremdwort und man fühlt sich nirgends wirklich sicher. Oder man zieht sich in den eigenen Kopf zurück.

Zum Selbsterleben gehört manchmal auch das mangelnde eigene Gefühl für den Körper. Aber auch die Empathie für das menschliche Umfeld erscheint manchen wie „verstellt“. Entweder werden andere Menschen und ihre Emotionen nur sehr schwach wahrgenommen oder im Gegensatz viel zu „laut“, überdeutlich und manchmal überwältigend. 

Das spiegelt sich dann auch in den Verhaltensweisen wider, wenn man zum Beispiel zu viel oder zu wenig für andere tut. Oder wenn man bestimmte Sachen, auch in der Körpersprache, nicht kommunizieren kann oder erst zu spät und eventuell dann zu laut. Gut reguliertes Verhalten müsse man erlernen, um den Umgang mit anderen Menschen zu genießen.

Schatztruhenrunde: Resilienz, Durchhaltevermögen, Anpassungsvermögen, „Ich darf mir meinen Raum heute selbst gestalten“, Sensibilität, Anderssein, von Menschen als wertvoll wahrgenommen werden, Neugier, Offenheit, Kritikfähigkeit, Uneitelkeit, ein leiser Mensch sein, sich selbst annehmen und das Leben entsprechend anpassen, sich dem Moment (der Gegenwart) stellen und ihn aushalten, die Vergangenheit neu verstehen, die eigne Schatzkiste suchen, Perfektionismus, Leute analysieren, weniger machen lernen, Bedürfnisse erkennen lernen, sich seinen Raum bewahren und ihn öffnen, Menschen suchen, die gut tun, Gefühle überspielen können.

Montag, 14. Juli 2025

Zusammenfassung des Zoom-Treffens zum Thema „Abschiede“ (05.09.24)

Aus unserer Angebotsreihe "Wochenkinder Sachsen": Folgende Punkte hatten sich den einzelnen Wortmeldungen zufolge herauskristallisiert:

Einige von den Teilnehmer/innen sagten, es sei für sie einfacher, sich von Personen zu verabschieden, die sie mögen und wenn der Abschied nicht von Dauer ist. Oder: Es sei besser zu verlassen, als verlassen zu werden, um Verletzungen zu minimieren. Oder: Aus schwierigen Beziehungen verabschiede man sich meistens zu spät und im Streit. Andere teilten die Beobachtung: Eventuell komme die Trauer nach einem Abschied verzögert oder äußere sich durch unklare Gefühle oder körperliche Phänomene. Manche empfinden beim Abschied aber auch nichts. 

Einen unangenehmer Beigeschmack entstünde, wenn sich Menschen nicht verabschieden oder kommentarlos zurückziehen würden. Dann bliebe immer das „Warum?“ zurück. Der Abschied als solches sei wichtig als menschliches Ritual, als Höflichkeitsform. Zum Beispiel bei Seminaren oder Fortbildungen könne ein einfaches Verschwinden als unhöflich oder als Desinteresse an der eigenen Person empfunden werden.

Todesfälle, als Abschiede für immer, sind für die meisten schwer zu ertragen, besonders wenn diese plötzlich auftreten oder nicht darüber kommuniziert wird. Hier würde sich mancher von uns trotz fortgeschrittenen Lebensalters besonders hilflos fühlen, was auch als Empathielosigkeit gedeutet werden könnte.

Frühkindliche Abschiede

Das Leben von Wochenkindern begann mit einer schweren Last, es erfordert Mut und Vertrauen, negative Gefühle auszuhalten. Beim jähen Abbruch der Beziehung zur Mutter bei der Übergabe an die Wochenkrippe am frühen Montagmorgen war es jedesmal unklar, wann und ob sie wiederkommt. Der Abschied in der Wochenkrippe verlief in der Regel sehr kurz und schnell, daher bevorzugen heute noch einige von uns offenbar lieber schnelle Abschiede.

Beim Thema „Kontakt-halten“ waren wir uns einig, dass einseitiges Kontakt-halten insbesondere mit "Bezugspersonen", wie Eltern, Partnern, oder "Familie" sehr anstrengend ist. Es kam die Empfehlung, sich aus einseitigen Kontakten auch „in Liebe zu verabschieden“ - anstelle von "Trennung" oder "Abbruch" lässt man freundlich los. Diese Form des "kontrollierten Abschieds" ermöglicht - sollte sie in Erwägung gezogen werden - eine spätere Wiederaufnahme der Beziehung.

Gerade Kontaktabbruch seitens von Lebenspartnern, Eltern(teilen), Geschwistern ... ist für viele von uns unerträglich und auf Grund der Wochenkind-Erfahrung psychisch schwer zu managen. Manchmal wurde bzw. wird dann eine Psychotherapie zur seelischen Stabilisierung notwendig. Diese Erfahrung bringt auch die Angst vor neuen Beziehungen mit sich, da hier von Beginn an schon Trennungsangst besteht. Manche ehemaligen Wochenkinder berichten, dass sie aus der Angst vorm Verlassenwerden heraus ihre eigenen Bedürfnisse an den Partner nicht mitteilen und ihre eigenen Grenzen nicht verteidigen.

Darüberhinaus haben wir gemeinsam über mögliche Abschiedsrituale gesprochen, die uns gut tun würden, die wir selbst schon erlebt haben oder die sich eigenen, um sie auszuprobieren und als Veränderungsoption im Umgang mit zukünftigem Abschiedserleben zu integrieren. Gestaltete Abschiede sozusagen, wie wir sie uns aus heutiger Sicht für uns wünschen würden, die sich mit solchen Abschiedsgrüßen: w.z.B. "Lebe wohl", "Alles Gute für Dich" oder "Glück auf!" wunderbar tiefsinnig ausdrücken lassen ...

So let's celebrate this! 👋👋  Lieben Dank für den Austausch, auf Wiedersehen & in Vorfreude auf die nächste Runde zum Thema "Gesundes Abgrenzen" am 07.10.24

Therapie-Tipp: Schematherapie nach Jeffrey Young

Buch-Tipp: Onno van der Hart "Abschiednehmen - Abschiedsrituale in der Psychotherapie", Junfermann Verlag, 2010, nur noch antiquarisch erhältlich.

 (Rico & Cornelia) 

Freitag, 11. Juli 2025

Zusammenfassung des Zoom-Treffens zum Thema "Gesundes Abgrenzen" (07.10.24)

Aus unserer Angebotsreihe "Wochenkinder Sachsen": Mit einem ungewöhnlichen Blitzlicht begann unser digitales Zusammenkommen: „Wenn du heute ein Getränk wärst – welches wärst du?“ Diese bildhafte Einstiegsfrage öffnete einen ersten Raum für Selbstwahrnehmung. Die Antworten reichten von "gehaltvoll" bis "leer", von "still" über "medium" bis "prickelnd" und spiegelten damit bereits die Vielfalt unserer aktuellen inneren Zustände und Bedürfnisse wider.


Im Zentrum unseres Gesprächs stand die Frage, was „gesundes Abgrenzen“ im heutigen Leben bedeutet, vor dem Hintergrund unserer biografischen Prägungen als ehemalige Wochenkinder.


Babys und Kleinstkinder äußern ihre Grenzen nicht in Worten, sondern über Körpersprache, Stimmklang, Weinen, Unruhe oder Rückzug, sofern ihnen dafür Raum gegeben wird. Ihre Signale sind Ausdruck eines grundlegenden Bedürfnisses nach Schutz, Kontakt und Regulierung. Werden diese Signale übergangen, ignoriert oder als störend abgetan, passt sich das Kind an: Es reduziert seine Ausdrucksintensität, richtet sich nach außen aus und verliert allmählich den inneren Zugang zu seinen Bedürfnissen. Daraus können frühe Formen von Erstarrung, Überanpassung und eine tiefe Entfremdung vom eigenen Empfinden entstehen. 


Als Erwachsene setzen viele von uns heute oft Grenzen über Distanz. Im idealen Falle erlernen wir "Ich-Botschaften" zu formulieren oder bewusste Selbstsorge, doch nicht selten begleiten uns auch hier Unsicherheit oder innerem Konflikte. Was heißt also "Gesundes Abgrenzen"? Nicht nur „Nein“ sagen. Auch Möglichkeiten aufzeigen. Den eigenen Tanz- oder Spielraum erkennen und vertreten. Grenzen nicht als starre Mauern begreifen, sondern als bewegliche, lebendige Kontaktlinien. Rote Linien, energetische Rückzüge, klare „Stopp“-Signale. Unser Vokabular ist vielfältig, doch sind das Bewusstsein darüber und Abgrenzungsvermögen sehr unterschiedlich ausgeprägt.


Kontrollvakuum, Parentifizierung und die Nachwirkungen früher funktionaler Autonomie


Ein zentrales Bild, das im Gespräch auftauchte, war das des „Kontrollvakuums“. Dabei geht es nicht um das Fehlen von äußeren Regeln oder Strukturen, diese waren im Alltag von Wochenkindern sehr präsent. Vielmehr fehlte es an emotionaler Resonanz, an schutzgebender Beziehung und an einem echten, mitwachsenden Dialog über Bedürfnisse, Grenzen und Rollen.


Bei uns Wochenkindern der DDR, die ab der 6. Woche dauerhaft von Montag bis Freitag (manche bis Samstag) rund um die Uhr in Krippen untergebracht wurden, während die Eltern abwesend waren, entstand ein widersprüchliches Klima: Die Betreuungspersonen handelten nach einem ideologisch & klinisch geprägten Funktionsplan, der auf kollektive Erziehung, Anpassung an die Bedürfnisse der erwachsenen "sozialistischen" Welt und frühe Selbstständigkeit zielte. Erwachsene traten mit klaren Erwartungen auf, forderten vor allem eines: Funktionieren. 


Kinder sollten sich selbst beruhigen, sich selbst regulieren, möglichst früh und möglichst störungsfrei. Die Forscherin Heike Liebsch beschreibt diesen Zusammenhang in ihrem Buch „Wochenkinder in der DDR“ unter dem Begriff der „Selbstbedienung“ (S. 138–139): eine Form vermeintlicher Autonomie, die nicht auf innerer Reifung, sondern auf systemischer Notwendigkeit und frühzeitiger Anpassung basiert. In diesem System wurde das Kind nicht begleitet, sondern alleingelassen.


Das, was in gesunden Bindungsbeziehungen zwischen Eltern und Babys bzw. Kleinstkindern durch liebevolle Zuwendung, Co-Regulation und erfahrbare Grenzen entsteht, nämlich innere Orientierung und die Fähigkeit zur gesunden Selbstabgrenzung, blieb aus. Ein emotionales Vakuum entstand, überdeckt von einer funktionalen Oberfläche. Gleichzeitig kam es häufig zu einer sog. „Parentifizierung“, also einer Rollenumkehr: Das Wochenkind mußte emotionale Verantwortung für sich selbst übernehmen, und oft auch für die Bedürfnisse der Erwachsenen, anstatt selbst gehalten zu werden. Die Folge ist eine Rollenkonfusion: Wir wurden zu früh „groß“, übernahmen Pflichten, wo wir Schutz gebraucht hätten, unterdrückten Bedürfnisse, um Erwartungen zu erfüllen. Wir passten uns an, statt uns zu spüren oder - idealerweise - ein Gespür für gesundes Abgrenzen zu entwickeln.


Langzeitfolgen bis ins Erwachsenenleben


Solche frühen Prägungen und Beziehungserfahrungen wirken zumeist weit über die Kindheit hinaus: Viele von uns haben bis heute Schwierigkeiten, eigene Grenzen wahrzunehmen und zu schützen, übernehmen zu viel Verantwortung, auch im Erwachsenenleben. Wir erleben Intimität oder Abhängigkeit oft als bedrohlich oder unsicher, und haben häufig Mühe, für uns selbst zu sorgen, obwohl wir gelernt haben, uns zu versorgen. Die früh gelernte „Selbstbedienung“ war eine reine Anpassungsleistung, kein Ausdruck eines entwicklungsgemäßen inneren Lernprozesses. 


Gesunde Abgrenzung hingegen entsteht in Beziehungen, in denen Nähe und Distanz verhandelbar sind, in denen das Kind erleben darf, dass seine körperlichen und emotionalen Grenzen benannt, gespiegelt und respektiert werden. In DDR-Wochenkrippen jedoch verblieb das Baby und Kleinstkind allein inmitten scheinbarer Autonomie. Es wurde zur kleinen Erwachsenenrolle gedrängt, dazu konditioniert, dressiert, "kompetent" im Außen, aber oft unsicher im Innen.


Daher begleitet - mehr oder weniger bewußt - viele von uns bis in die Gegenwart die Frage: Wie kann ich Grenzen setzen, ohne andere zu verletzen und ohne mich selbst zu verlieren? Auch Themen wie Identität und Rollenklärung rücken in den Fokus: Wer bin ich, wenn ich nicht funktioniere? Wie gelingt es, mir selbst Raum zu geben, ohne schlechtes Gewissen? Abgrenzung zu zeigen nicht als Abwehr, sondern als Einladung: zur Selbstwahrnehmung, zur Präsenz, zur eigenen Erlaubnis zu sein.


Erwähnte Strategien aufgrund eigener Erfahrungen oder Erlebnissen waren u. a.: 

  • "Externalisierung" also das Sichtbarmachen und „Auslagern“ übernommener Muster. https://de.wikipedia.org/wiki/Externalisierung_(Psychologie)
  • Grenziehung als sachlicher, neutraler Vorgang, d.h. keine Drama-Inszenierung, sondern eine Form der Selbstklärung.
  • Respekt, sowohl für die eigenen Grenzen als auch für die der anderen.
  • Der Unterschied zwischen Grenzen setzen und Grenzen zeigen, insbesondere im Kontext von eigener Elternschaft.

Unser Austausch endete mit persönlichen Einsichten wie z.B. diesen: „Ich fühle mich bereichert, aber auch wie ein leeres Glas.“ „Ich frage mich, ob es mir besser gehen würde, wenn ich das Gespräch über gesunde Grenzen mit meiner Mutter geführt hätte - von Mutter zu Mutter.“ „Ich vermisse Herzlichkeit. Bin ich selbst eigentlich herzlich?“ „Man konnte uns nicht lesen, wir trugen Masken. Offen blieben Fragen, die uns möglicherweise in unseren Alltagsbegegnungen noch länger begleiten werden: Wie gelingt Abgrenzung ohne Trennung? Wie umgehen mit dem Schmerz aus nicht gesetzten oder nicht respektierten Grenzen? Was kann ich meinem "inneren Wochenkind" heute an Möglichkeiten zeigen, statt nur an Regeln? Wo endet mein Raum und wo beginnt der der anderen?


Der Versuch eines Fazits: 


Gesundes Abgrenzen heißt für uns nicht nur Schutz, sondern Spielraum. …sich spüren statt sich verteidigen. …Verantwortung teilen, statt sie allein zu tragen.… der eigenen Herzlichkeit Raum geben. Und vor allem: „Gesundes Abgrenzen“ als elementares Bedürfnis in Beziehungen zu benennen – im Privaten wie im Gesellschaftlichen. Ein Thema, dem wir uns auch in unserer nächsten ZOOM-Runde am 05.12.24 unter dem Titel "Beziehung und Bedürfnis" weiter annähern werden.


(Cornelia)

Dienstag, 8. Juli 2025

Zusammenfassung des Zoom-Treffens zum Thema "Gefühle" (27.06.2024)

Aus unserer Angebotsreihe "Wochenkinder Sachsen": Diese Zusammenfassung resultiert aus Notizen.

Nach diesem Austausch zeigt sich, dass Menschen mit früher Trennungserfahrung, in unserem Fall, den „Wochenkindern“,  häufig in sozialen Kontexten eine erhöhte innere Alarmbereitschaft mit sich tragen. Diese prägt ihre Wahrnehmung, ihr emotionales Erleben und ihr Verhalten in Beziehungen auf vielschichtige Weise.

Sensibilität und Reaktionen auf die Umwelt

Mehrere Teilnehmende beschrieben eine ständige Wachsamkeit, die sich sowohl körperlich als auch emotional äußert. Sie berichteten, schreckhafter und schneller erschöpft zu sein, was sich im Alltag in Form von Rückzug, Überforderung oder auch Gereiztheit zeigen kann. Diese hohe Sensibilität kann aber auch Vorteile mit sich bringen, etwa in der schnellen Erfassung von Situationen und der schnellen Reaktion darauf oder der feinen Wahrnehmung anderer Menschen. 

Das Zulassen von Nähe wird ambivalent erlebt: Umarmungen oder intensive Gespräche können sowohl ersehnt als auch gefürchtet werden. Das eigene Nähe-Distanz-Empfinden ist dabei sehr tagesformabhängig und von der konkreten Person abhängig. Verletzungen persönlicher Grenzen können zu heftigen Reaktionen führen. Dennoch kam es auch zu Berichten von Begegnungen, die überraschend leicht und tragfähig waren. 

Soziale Interaktionen: Ein Drahtseilakt

Soziale Anlässe wurden als oft sehr ermüdend beschrieben. Dies liegt daran, dass man ständig "auf der Hut" sein muss:  kontrollieren, wer zu nahekommt, und überlegen, was man sagen "darf" und was nicht. Hierbei erlebt man einen gleichzeitigen Wunsch nach Verbundenheit und nach Rückzug.

Die Gefahr der Überreizung ist hoch, die „soziale Batterie“ schnell leer. Es wurde geschildert, dass das eigene soziale Ich oft wie eine Maske erscheint: funktional, aber nicht echt. Die Aufrechterhaltung dieser Maske erzeugt Erschöpfung und Verspannung. Sie kann zu plötzlichem Verstummen oder Rückzug führen. Gerade in Gruppenbegegnungen zeigten sich Unterschiede: Kleine, vertraute Runden wurden als angenehmer empfunden, große Gruppen eher gemieden außer, wenn sie Anonymität und die Möglichkeit zum unauffälligen Gehen boten.

Gruppendynamik und Vertrauen

Es wurde deutlich, wie schwer es fällt, nicht zu sehr auf die Bedürfnisse anderer einzugehen und sich dabei selbst zu vergessen (sogenanntes "People Pleasing"). Nur auf andere zu reagieren, anstatt selbst zu agieren, ist sehr anstrengend. Auch beiläufige Kommentare sollten nicht persönlich genommen werden; sie sind Angebote, keine Bewertungen. Manchmal entsteht Neid, wenn andere Menschen leichter Beziehungen eingehen können, was zu einem Gefühl des Ausgeschlossenseins führen kann. Kurze Kontaktaufnahmen können einfach sein, doch das Vertiefen einer Beziehung ist schon schwieriger, da es häufig an Vertrauen und der Fähigkeit zur Abstimmung mangelt.

Kommunikation und Beziehungsstatus

Ein wiederkehrendes Thema war die Schwierigkeit, eigene Gefühle in Beziehungen zu artikulieren und damit sichtbar zu werden, einen eigenen Raum einzunehmen. Die Angst vor Zurückweisung oder Unverständnis führt dazu, dass Gespräche mit Familie oder Freunden häufig gemieden werden. Stattdessen entstehen Rückzugsstrategien, oft getarnt als logische Ausreden. 

Unsicherheit über den Beziehungsstatus, sowohl in familiären als auch in freundschaftlichen Kontexten, führt häufig zu Überanpassung oder unbewusster Distanzierung. Das „Lesen“ des Gegenübers (Mimik, Stimmung) wurde als anstrengend, aber notwendig beschrieben, um emotionale Sicherheit herzustellen. Gleichzeitig wurde die hohe Fehlerquote bei dieser „Personenlektüre“ als Quelle für Missverständnisse und Rückzugsreaktionen erkannt. Einige berichteten auch davon, dass sie bei ersten Kontakten offen seien, später aber in Rückzug und Misstrauen verfallen, ein Phänomen, das andere Menschen oft irritiert. 

Grenzen setzen und Nähe zulassen

Es wurde deutlich, wie schwer es fällt, rechtzeitig eigene Grenzen zu setzen, etwa wenn man Ruhe und Raum zum Nachdenken braucht, da die Beziehung nicht gefährdet werden soll. Sätze wie "Moment mal, ich muss darüber in Ruhe nachdenken" fallen schwer. Beim Setzen von Grenzen reagiert man häufig zu spät und dann manchmal emotional, was von anderen als unhöflich empfunden werden kann. Auch Schweigen als Antwort (aufgrund der benötigten Verarbeitungszeit) wirkt oft so.

Das stufenlose Einstellen von Nähe und Distanz fällt ebenso schwer wie das Kennenlernen neuer Freunde, da eine große Angst vor dem Verlassenwerden besteht. Manchmal gelingt der Einstieg in eine Beziehung schnell, doch der Aufbau langfristigen Vertrauens ist schwierig und immer wieder von Misstrauen (bis hin zur Paranoia) geprägt. Es besteht ein starkes Verlangen nach Gesellschaft, gleichzeitig aber auch eine große Furcht davor.

Familiäre Beziehungen

Die Beziehung zu den Eltern ist generell schwierig, besonders zu den Vätern, die eventuell schon lange nicht mehr präsent sind, aber auch zu den Müttern. Obwohl Mütter oft selbst den Wunsch nach einer besseren Beziehung haben, können Wochenkinder ihre Mutter manchmal nicht wirklich als solche wahrnehmen, was Mütter wiederum traurig stimmt. Besuche bei den Eltern sind selten, und man fühlt sich fremd.

Ausblick und nächste Schritte

Für die kommenden Treffen wurden mehrere Themenvorschläge gesammelt:

  • Gemeinsame Lektüre und Diskussion der Seite: digitale-selbsthilfe.de/umsetzen/digitale-treffen

  • Fragen zur eigenen Position in der Ursprungsfamilie

  • Was sind „positive Gefühle“ – und wie lassen sie sich erleben? (Leichtigkeit, Zufriedenheit, Dankbarkeit, Freude)

  • Umgang mit Kontaktabbruch – wie deute ich ihn, was löst er aus?

  • Ist meine Familie dysfunktional – und was heißt das überhaupt?

  • Was bedeutet „Personenlesen“ – und wie hoch ist die Fehlerquote? 

Gemeinsam wurde am Ende des Austauschs entschieden, als nächstes sich dem "Körperlichen Fühlen“ zu widmen. Als Lesetipp wurde empfohlen: Pete Walker: Tao der Gefühle – ein Ansatz, der versucht, emotionale Selbstfürsorge mit akzeptierender Selbsterforschung zu verbinden.

 (Rico)

Dienstag, 20. Mai 2025

SHG-Treffen 17.05. 2025


 
Am 17. Mai fand unser letztes Präsenztreffen im Dresdner Rathaus statt.
Wir begannen mit einer kurzen Vorstellungsrunde, wobei wir "Achtsamkeitskarten"
benutzten. Diese sagten zum Beispiel: "Die eigene Mitte finden" oder "Sich öffnen" oder "Mein bester Freund sein". Jeder konnte sich eine Karte heraussuchen und erzählen, warum gerade jetzt diese Karte ihn anspricht und dabei ein aktuelles oder früheres Erlebnis einbinden.
 
 
Danach haben wir Themen für den Tag gesammelt und abgestimmt, über welches Thema wir heute reden. Dabei hat das Thema "Zurückweisung und Strategien im Umgang damit" gewonnen.
 
 
 
Danach teilten wir uns in vier Gruppen und besprachen dieses Thema im kleinen Kreis. Nach 15 min wurden alle Ideen zusammengetragen. Eine davon war, dass es viele Arten von Zurückweisung gibt, von einem abgesagten Treffen über Liebesentzug (z.B. durch die Eltern) bis hin zum Mobbing. Und es ist auch noch wichtig, wer zurückweist. Ist es jemand fremdes oder jemand vertrautes? Was wollen diese Personen mit der Zurückweisung erreichen? Fühlt man sich durch die Zurückweisung in der Opferrolle?
 
 
Als Strategien wurden angegeben: Hoffnung und Zuversicht wach halten. (Es geschehen auch wieder gute Dinge). Sich durch die Zurückweisung nicht bewertet zu fühlen (Ich bin richtig!).
Sachlicher Umgang mit der Zurückweisung: "Radikale Akzeptanz" (Es ist wie es ist, die Sache ist abgehakt, ich wende mich anderen Dingen und Personen zu.). Dann gibt es auch noch Notfallstrategien als Traumafolgen: Flucht (Verdrängung), Erstarrung (Depression), Kampf (Wutanfall) oder Anpassung (Betteln). Diese sind leider nicht zielführend und verschlimmern die Situation meistens. Besser ist, mit der zurückweisenden Person darüber zu reden, über die Gründe und über die eigenen Gefühle, die durch die Zrückweisung entstehen. Wenn das nicht möglich ist, kann man immerhin noch einer anderen Person "sein Herz aussschütten". Es ist auch gut, die eigenen Gefühle zu benennen und zuszulassen ("Ich bin jetzt traurig und das ist okay."). Man kann sich auch ruhig selbst trösten, mit einer schönen Aktivität, mit einer Belohnung, mit einem Gespräch. Spiritualität kann sehr dabei helfen Selbstwertgefühl aufzubauen und dadurch Zurückweisungen besser zu verarbeiten.
 
 
Als Abschluss haben wir noch ein paar "Meilensteine", "Aha-Erlebnisse" und nützliche Fertigkeiten bei der Selbsthilfe gesammelt. Dabei kamen zusammen: "Goldene Momente sammeln". Hier wurde auch die Geschichte der Frau erwähnt, die Bohnen von einer Tasche in die andere Tasche legt.
Hinzu kamen: Tagebuch schreiben, um sich selbst besser kennen zu lernen und den Kopf zu entlasten, ruhiges Atmen, Meditieren oder Akupressur mit selbstbestärkenden Worten (Metta-Meditation), Physiotherapie, Gespräche mit dem eigenen inneren Kind, Bücher und "mit dem Universum in Kontakt sein". Erwähnt wurde auch noch wie wichtig es ist, Momente des Bedauerns, der Scham und der Schuld über vergangene Vorkommnisse bewusst wahrzunehmen und zeitlich zu begrenzen, damit man nicht ständig das schwere und große "Buch des Bedauerns" mit sich herumträgt und darin liest und damit die Gegenwart verpasst.
 
 
 
Dann konnte noch jeder sagen, was er/sie aus diesem Treffen gerne mitnimmt und was gerne in den Papierkorb kann. Später folgte noch eine Skizze, wo das nächste Treffen stattfindet. Des weiteren wurden drei Kartenspiele und ein Buch herumgegeben bzw. zum Anschauen ausgelegt. Diese sind im letzten Foto zu sehen.
 


(Rico)

Freitag, 18. April 2025

Zusammenfassung der Zoom-Treffen zum Thema "Aussöhnen" (20.02.25) & "Blockierende Glaubenssätze" (17.04.25)

aus unserer Angebotsreihe "Wochenkinder Sachsen". Der Inhalt wird als kurze Übersicht wiedergegeben. Das finde ich als Erinnerungsanker nützlich, damit ihr euch als Teilnehmende eventuell besser an die Gespräche erinnern könnt. Es werden dabei keine persönlichen Details offenbart. Anregungen und Hinweise nehme ich gern über die Email wokidresden@gmail.com entgegen. 

Beim Februarthema "Aussöhnen" im Hinblick auf die Wochenkinder-Problematik sprachen wir hauptsächlich über das gegenwärtige oder grundlegende Verhältnis zu unseren Eltern. Genauer gesagt ging es darum, ob wir unseren Eltern vergeben können und ob von der Elternseite jemals Versuche gemacht wurden, sich zu entschuldigen.

Obwohl es einige wenige Aussöhnungen gegeben hat, tun sich die meisten unserer Eltern schwer, überhaupt über das Thema zu reden. Wenn sie sich doch öffnen, ist dies meist nur von kurzer Dauer. Manche von uns ehemaligen Wochenkindern haben wenig und problematischen Kontakt mit ihren inzwischen altgewordenen Eltern. Eventuell sind diese auch schon verstorben. Einige Wochenkinder trauen sich bis heute nicht, mit ihren Eltern über das Thema zu reden, weil sie fühlen, dass das als Schuldzuweisung gewertet wird. Oder sie fühlen sich in der Gegenwart ihrer Eltern wieder in die Kindheit zurückversetzt, in der die Autorität zugunsten der Eltern verschoben war. Andere wollen ihre Eltern auch aufgrund deren fortgeschrittenen Alters mit dem Thema nicht mehr "belasten". Manchmal stehen auch starke Gefühle wie Angst, Verachtung oder Wut einem "aussöhnendem" Gespräch entgegen.

Die wenigen Wochenkinder, die zumindest Aussprachen mit ihren Eltern geführt haben, raten zu einem "Mutanfall". Obwohl sie betonen, dass selbst eine Entschuldigung von den Eltern nur wenig dabei hilft, Traumafolgestörungen zu bearbeiten, meinen sie, dass die Erkenntnisse trotzdem sehr wertvoll sind, um Lücken im Gedächtnis zu füllen und Missverständnisse zu beheben. Ich habe als Beispiel angeführt, dass ein Gespräch mit den Eltern nicht unbedingt eine Entschuldigung als Ziel haben muss, es kann auch nur um biografisches oder "historisches Interesse" gehen.

Immerhin ist die Kenntnis der eigenen Geschichte unser gutes Recht. Und ein Gespräch muss auch nicht persönlich geführt werden. Die sozialen Medien geben jede Menge Möglichkeiten für schützende Distanz und Gesichtswahrung. Und auch ein geschriebener Brief kann sehr wertvoll sein. Im besten Fall kann es zu einem Moment kommen, in dem man sich mit seinen Eltern das erste mal verbunden fühlt.

Beim Thema "Verzeihen" wurde klar, dass es einmal ein "beiderseitiges" Verzeihen gibt, indem die Eltern ihrer Verantwortung gewahr werden. Aber es gibt auch ein "einseitiges" Verzeihen, dass aus dem eigenen Verständnis für die damalige Situation der Eltern herrührt und aus einem tiefen Wunsch, loszulassen, zu trauern und abzuschliessen, um sich wieder für andere Beziehungen und Themen öffnen zu können.

Beim gemeinsamen Austausch im April über "Blockierende Glaubenssätze" wurde deutlich, dass viele Wochenkinder dysfunktionale Glaubenssätze mit sich tragen, die sehr grundlegend mit ihrer Daseinsberechtigung verknüpft sind und ursprünglich als "Überlebensstrategien" fungierten. "Ich darf keine Bedürfnisse haben", "Ich bin falsch", "Ich gehöre nicht dazu", "Mit mir stimmt etwas nicht", "Ich bin unnütz" sind typische tiefverankerte Überzeugungen. Andere Glaubenssätze verstärken die Absprache eigener Bedürfnisse: "Ich muss immer stark sein", "Ich darf nicht um Hilfe bitten", "Ich darf nicht zur Last fallen" sind Beispiele dafür. Es wurde vermutet, dass die Basis für diese Glaubenssätze in den Wochenkrippen und -heimen gelegt wurde und mit einem frühkindlichen Bindungs- bzw. Entwicklungstrauma verknüpft sein können. Oft wurden sie von Überzeugungen der DDR-Elterngenerationen der 50er bis 80er Jahre auch noch durch deren Aussagen oder Handlungen bestärkt und verankert.

Als Therapien, die diese besonders für das Erwachsenenalter als dysfunktional erwiesenen Glaubenssätze abschwächen können, wurden tiefenpsychologisch fundierte Traumtherapie, EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) und Hypnosetherapie erwähnt. Darüberhinaus wurden zur Selbsthilfe spezielle Online-Kurse und Arbeitsbücher wie Stefanie Stahls "Das Kind in dir muss Heimat finden" sowie auch die regelmäßige "Selbstkonfrontation" mit den eigenen Glaubenssätzen empfohlen. Selbstkonfrontation heißt in dem Fall, sich dem Unterschied zwischen verzerrter Wahrnehmung, sprich: "blockierendem Glaubenssatz" und der Realität bewusst zu stellen. Diese Realität könne man sich zum Beispiel von Partnern, Freunden und Kollegen einholen bzw. spiegeln lassen. Manchmal würden aber auch körperliche Signale, wie Schmerzen, Müdigkeit und Erschöpfung darauf aufmerksam machen. 

Bei der Selbstkonfrontation sei es besonders wichtig, behutsam vorzugehen und kleine Schritte zu machen. Jeder Hauptglaubenssatz hat schließlich noch eine Gruppe an Nebenglaubenssätzen, die man nicht alle auf einmal auflösen kann.

Letztlich kamen auch noch die "Kompensationsstrategien" zur Sprache, die versuchen, das Defizit aus dem Glaubenssatz zu kompensieren. So wird die "geglaubte" unsichere Daseinsberechtigung oft durch Leistung  und die "abgesprochene" Bedürftigkeit durch übertriebene Selbstständigkeit kompensiert. Dem hinzufügen seien an dieser Stelle auch die "Vermeidungsstrategien" wie Rebellion, Selbstsabotage oder selbstgewählte Isolation.

Verabschiedet haben wir uns mit dem Versuch, die eingangs aufgelisteten blockierenden Glaubenssätze zu "reframen", d.h. sie ins Positive zu verändern oder daraus mit Geduld und Langmut eine neue selbstermächtigende Sichtweise zu entwickeln, z.B.: „Wenn ich meine Bedürfnisse ernst nehme, kann ich besser für mich und andere sorgen oder: „Indem ich meine Bedürfnisse kenne und mitteile, gestalte ich ehrliche Beziehungen“ oder: „Ich bin genug – ich muss nichts leisten, um wertvoll zu sein.“ 

Nun noch erwähnte Empfehlungen aus diesem Zoom als Links:

EMDR: https://de.wikipedia.org/wiki/Eye_Movement_Desensitization_and_Reprocessing

Hypnosetherapie: https://www.palacios.academy

Verhaltenstherapie: https://www.matthiashammer.de/buecher/feind-in-meinem-kopf/

Gestalttherapie: https://www.lebenskarten.de/traumatherapie88/gestalttherapie-2/  

Tiefenpsychologie: https://sciodoo.de/tiefenpsychologie-merkmale/

 (Rico)

Zusammenfassung des Zoom-Treffens zum Thema "Wer bin ich wirklich?" (26.06.2025)

Aus unserer Angebotsreihe   "Wochenkinder Sachsen" : Der Moment des Erfahrens über die Wochenkrippe führt oft zu einem ganz neuen ...