Am 16. April 2025 fand der Onlinevortrag der Selbsthilfeakademie Sachsen "Was würde dein Körper dir sagen, wenn er sprechen könnte? - Selbsthilfe im Umgang mit chronischen Erkrankungen" statt. Vortragende war die Psychologin Samira Peseschkian, die auch selbst Betroffene ist. Sie begann damit, dass der Schmerz ein "Rudeltier" sei, der auch meistens Komplizen wie Müdigkeit, Konzentrationsstörung, Angst, Unwägbarkeit, Hilflosigkeit und Katastrophisierung im Schlepptau hat.
Akute Schmerzen entstehen hauptsächlich aus Gewebeschädigungen. Demgegenüber entstehen chronische Schmerzen hauptsächlich aus Gefühlen und Gedanken heraus. Eine entscheidende Rolle beim chronischen Schmerz spielt das Schmerzgedächtnis der Amygdala, dem Mandelkern im Gehirn. Die Amygdala ist das Warnzentrum, das vor kommenden Gefahren warnt und Schmerzen auslöst, die wiederum der Vermeidung dienen. Bei chronischen Schmerzen ist die Amygdala vergrößert. Dann neigt man zur Überschätzung der Gefahr und die Vermeidung wird verstärkt. Diese Schonung baut aber oft auch Ressourcen wie stützende Muskeln ab.
Die Amygdala reagiert sehr schnell, da sie das Überleben sichert, sie ist empfindlich und nachtragend. Das Herunterregeln der Amygdala erfolgt über den Neokortex, also dem vorderen Großhirn, das relativ langsam funktioniert. Es ist trotzdem wichtig, diese Regulationsfunktion durch Reflexion (was ist passiert, seit wann und wie oft passiert das?), kritisches Bewerten der Situation (was passiert gerade und wie gefährlich ist das wirklich?), mentales Loslassen (Ich bin nicht mein Schmerz, der Schmerz kommt und geht...) und Selbstwirksamkeit (Ich kann etwas tun) zu stärken.
Chronische Schmerzen entstehen oft auch durch langjährige Stresserfahrungen. Dabei hat man die stillen Signale des Körpers, wie Müdigkeit, Bauchschmerzen, Schwindel, Leistungsabfall, Reizbarkeit und häufige Erkältungen vorher schon übersehen. Danach kommen dann die lauten Signale wie eben Schmerzen, aber auch Krämpfe, Haarausfall, Ohnmacht oder Herzrasen. Die Spirale der Erschöpfung führt dann zu Schlafstörungen, sozialer Isolation, Depression, Apathie, Stimmungsschwankungen, Panikattacken und chronischen psychosomatischen Schmerzen. Die Fehler, den man dabei oft macht, sind, sich über die Schmerzen zu ärgern, Medikamente dagegen einzunehmen und dann weiter im Stress zu bleiben.
Eine Selbsthilfe bei chronischen Schmerzen führt über Selbstreflexion und positiver Wahrnehmung der eigenen Ressourcen. Was kann ich überhaupt verändern? Wo kann ich etwas verändern? Was kann ich dabei nutzen, das mir zur Verfügung steht oder was ich gelernt habe? Was könnte ich noch lernen, um mir selbst zu helfen? Bei dieser Bestandsaufnahme kann man über die erlebte verbesserte Selbstbewertung und Selbstwirksamkeit zumindest die Kumpane des Schmerzes überlisten, nach dem Motto "Schmerz hat man, aber über das Leiden entscheidet man selbst."
Beim Handeln gegen den Schmerz, ob es sich nun zum Beispiel um Bewegung oder Meditation handelt, sind kleine Schritte wichtig, um eine Überlastung zu vermeiden. "Es ist nicht wichtig, wie groß der erste Schritt ist, sondern in welche Richtung er geht."
Ein Interview mit Samira Peseschkian findet man hier: „Chronische Erkrankungen bringen immer ihre Komplizen mit.“
Anmerkungen zur Amygdala:
Die Amygdala ist ein Emotionszentrum des Gehirns, dass auf Furcht, Angst und Stress spezialisiert ist. Sie löst nicht nur psychosomatische Schmerzen aus, sondern auch Panikreaktionen wie Kampf, Flucht und Einfrieren. Sie ist aber auch wichtig für das Thema Urvertrauen und Mutterbindung. Sie wird durch eine gelungene
Mutterbindung sozusagen "justiert". Die Amygdala steuert auch,
welche Erinnerungen gespeichert werden und welche wann erinnert werden.
Antidepressiva regulieren die
Amygdala chemisch, Meditationen und Übungen zur "Vagusnervstimulation"
regulieren die Amygdala ebenfalls. Psychotherapie hingegen stärkt die
Rolle des Neokortex. Durch
negative Erfahrung wächst die Amygdala. Durch Therapie kann sie wieder
schrumpfen.
Angeregt durch den Vortrag befragte ich eine künstliche Intelligenz (You.com) eingehender über die Amygdala. Was ich dabei erfahren habe ist äusserst interessant und kann hier nachgelesen werden:
Fragen und Antworten zur Amygdala
(Rico)