Aus unserer Angebotsreihe Wochenkinder Sachsen
Unser Austausch wurde mit einer einfachen, jedoch nicht leicht zu beantwortenden Frage eröffnet: Gibt es Erinnerungen aus der frühen Kindheit, in denen ihr Scham empfunden habt oder beschämt wurdet?
„Ich kenne beides: Scham und Beschämung.“
Einige erinnerten sich eindrücklich an Situationen ihrer frühen Kindheit, in denen sie vor anderen bloßgestellt und auch ausgelacht wurden. Sie erzählten von konkreten Beschämungen, wie ungeduldigen Schubsereien eines Elternteiles, Beleidigungen und Abwertungen, eines generellen „Unerwünschtseins“, an das In-die-Ecke-Stellen durch damals sogenannte "Krippentanten" oder an das Gerügtwerden „von oben herab“.
„Bloß nicht auffallen. Bloß nicht im Mittelpunkt stehen.“
Als eine weitere beklemmende Schamsituation wurde beschrieben, wenn plötzlich alle Blicke auf einen gerichtet sind. Ein Gedicht aufsagen, vor dem Weihnachtsmann singen, etwas vortragen oder vorführen müssen, tauchten dazu als peinvolle frühkindliche Erlebnisse auf. Schnell wurde deutlich, dass Scham etwas mit einer sehr speziellen Ambivalenz des Gesehenwerden zu tun hat: Man wird sichtbar, obwohl man möglichst „am liebsten im Boden versinken“ möchte.
Die meisten von uns prägen diffuse Schamgefühle bis in die Gegenwart. Eine Teilnehmer:in bemerkt die bis heute reichende Scham beispielsweise dadurch, dass sie sich ständig entschuldigt oder rechtfertigt. Eine weitere Teilnehmer:in brachte es in etwa so auf den Punkt: Nur in unserer Selbsthilfegruppe ist es mir möglich, überhaupt darüber sprechen zu können, dass Schamgefühle meine täglichen Begleiter geworden sind.
Auch andere beschrieben insbesondere ihre heutige berufliche Situation oder öffentliche Rolle als einen eigentümlichen Widerspruch: Als Erwachsene sind sie groß, laut und sichtbar, teilweise sogar in wichtigen Leitungspositionen, obwohl sie eigentlich nach wie vor nicht gesehen werden möchten. Gerade weil sie „laut“ und „sichtbar“ sind, reagieren andere Menschen auf sie. Man ist in eine exponierte Rolle hineingewachsen, obwohl man sich innerlich am liebsten möglichst kleinmachen und „einmummeln“ würde.
Wir fragten uns: Ist eine solche äußere Sichtbarkeit eventuell auch eine Antwort auf eine frühe Erfahrung des "Nicht-gesehen-Werdens" durch den streng regulierten Wochenkrippenalltag? Nicht im Sinne einer einfachen Erklärung sondern als Spannung, die sich durch die eigene Biografie zieht? Sichtbarkeit könnte unbewußt auch zu einer möglichen Kompensationsstrategie geworden sein.
Von allen geteilt wurde die Einsicht, dass Scham kein eindeutiges Gefühl ist. Sie kann sich mit Traurigkeit, Neid, Angst oder Schuld verbinden. Eine Erinnerung brachte das Problem der Unbestimmtheit besonders deutlich zum Ausdruck: Das ehemalige Wochenheimkind bekam „etwas Besonderes“, eine Puddingsuppe, und konnte deshalb einerseits denken: „Ich bin etwas Besonderes.“ Gleichzeitig war genau dieses „Besondere“ der Hinweis darauf, dass es zu den Kindern gehörte, die im Wochenheim bleiben mussten und von den Eltern nicht abgeholt wurde. Stolz und Neid, Besonderheit und Ausgeschlossensein, Scham und Traurigkeit lägen demzufolge dicht beieinander.
„Ich wusste lange gar nicht, dass ich so bedürftig bin.“
Als eine besondere Schwierigkeit der frühen Wochenkindheit wurde folgende Ausgangslage beschrieben: Wenn selbstverständliche Bedürfnisse eines Babys nach Nähe, Zuwendung und Verlässlichkeit nicht ausreichend beantwortet werden, kann das eigene Bedürftigsein später selbst mit Scham besetzt sein.
Auch Geburtstage sind für einige von uns schambesetzt. Dahinter könnte etwas stehen, so der Hinweis einer anderen Teilnehmer:in, das in einschlägiger Fachliteratur als „Daseinsscham“ beschrieben wird: eine tief sitzende Empfindung, „ungewollt“ zu sein oder mit dem eigenen Dasein zu viel, zu sichtbar, zu anstrengend für andere zu sein.
Möglicherweise liegt hier auch eine Verbindung zwischen früher Beschämung und dem späteren schlechten Gewissen: Man hat nicht nur gelernt, dass man etwas falsch gemacht haben könnte. Man hat womöglich viel grundlegender gelernt, dass das eigene Bedürfnis selbst schon zu viel sein könnte.
Wenn der Körper spricht
Auch das Gefühl einer Form der „Fremdscham“ wurde angesprochen: Wenn andere Kinder wegen ihrer "Vergehen" vor der Gruppe zur Rechenschaft gezogen werden sollten und man rot wurde, obwohl man selbst vollkommen unschuldig war, d.h. "gar nichts getan hatte". Der Körper reagierte, ohne dass man sich davor schützen oder bevor man überhaupt erklären konnte, warum.
Manche beschrieben als mögliche Folge von Schamerfahrungen ein vermindertes Selbstbewusstsein, das Vermeiden von Blickkontakt oder in schamüberflutenden Situationen einen regelrechten Totstellreflex. Schließlich wurden Phänomene von Hautreaktionen beschrieben: in der Hauptsache das Rotwerden - auch bis weit ins Erwachsenenalter hinein, Wärmeempfindungen, Enge & Weite sowie andere Anzeichen. Die Haut markiere eine Intimitätsgrenze.
Scham ist dann nicht nur ein Gedanke über sich selbst, sondern zeigt sich unmittelbar körperlich. Mehrfach bestätigt wurde, dass der Körper manchmal etwas zu wissen scheint, bevor der Kopf dafür Worte findet. Oder, wie es eine Teilnehmer:in noch eindringlicher formulierte: „Der Körper vergisst nicht.“
Scham & Schuld?
In Bezug auf die eigene Elterngeneration und deren zumeist abwehrender Umgang mit dem Thema "Wochenkinder" kam die grundsätzliche Frage auf, zu der in diesem Blog an anderer Stelle bereits ein erster Impuls veröffentlicht wurde: Lassen sich Scham und Schuld überhaupt voneinander trennen? (weiterlesen hier)
Diese Spur führte schließlich auch zur „Erfolgs- und Ergebnisbeschämung“ durch Erwachsene. Solche Beschämungen entstehen möglicherweise erst viel später, können aber an frühere Frustrationserfahrungen aus Erziehungs- und Schulsystemen anschließen. Produktivität, Leistung und Fortschrittsblianzen werden dann zu Maßstäben für den eigenen Wert.
„Bist du denn da schon weitergekommen?“ Oder: „Was ist aus deiner Arbeit geworden?“ Gerade diese Art von Fragen können frühkindliche Beschämungen beim Angesprochenen wachrufen, weil sie scheinbar darauf abzielen, nur von außen betrachtet und bewertet zu werden. Gleichzeitig eröffnen sie die Möglichkeit, heute als Erwachsener anders damit umzugehen. Zum Beispiel, indem man nicht automatisch in die Rechtfertigung geht, sondern zurückfragt: „Warum fragst du mich das?“
Welche Rolle spielte das Wochenkrippenpersonal?
Damit ergab sich für die Runde ein weiterer Fragekomplex, der jeden von uns biografisch mehr oder weniger geprägt hat: Welche der Schamgefühle sind explizit und tatsächlich auf die institutionelle Fremdbetreuung, sprich: Wochenkrippen & -heime zurückzuführen, wenn Anpassung beispielsweise durch Bloßstellung, Zurückweisung oder Bestrafung durch Isolation – etwa das „In-die-Ecke-Stellen“ – herbeigeführt wurde? Welche Spuren können solche frühen Erfahrungen hinterlassen, wenn existenzielle Grundbedürfnisse eines Babys und Kleinkinds, die eigentlich selbstverständlich sein dürften, später mit Scham besetzt sind?
Dabei geht es nicht darum, aus einzelnen Erfahrungen eine allgemeine Aussage über das Wochenkrippenpersonal abzuleiten. Vielmehr stellt sich für uns die legitime Frage, welche sehr unterschiedlichen Erfahrungen DDR-Generationen von Kindern in diesen Einrichtungen gemacht haben - und welche Spuren davon bis heute als Scham nachwirken und unser Leben beeinflussen.
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Zur weiteren Nachbereitung zum Thema wurde ein Interview mit dem Sozialspsychologen & Schamforscher empfohlen:
Stephan Marks: Unter der Wut: die Scham? | Utopie-Konferenz 2026
sowie folgende Lektüren:
Michael Titze: Die heilende Kraft des Lachens. Mit therapeutischem Humor frühe Beschämungen heilen. Kösel, 1995.
Annie Ernaux: Die Scham. Suhrkamp, 2020 [frz. La honte, 1997].
Stephan Marks: Scham – die tabuisierte Emotion. Patmos, 2007.
Udo Baer / Gabriele Frick-Baer: Vom Schämen und Beschämtwerden. Beltz, 2009 [zuerst Affenkönig, 2000].
Udo Baer / Gabriele Frick-Baer: Das große Buch der Gefühle. Beltz, 2014.
Udo Baer / Gabriele Frick-Baer: Wie Kinder fühlen. Beltz, 2009.
(Cornelia)