Aus unserer Angebotsreihe "Wochenkinder Sachsen": Diese Zusammenfassung resultiert aus Notizen.
Nach diesem Austausch zeigt sich, dass Menschen mit früher
Trennungserfahrung, in unserem Fall, den „Wochenkindern“, häufig in sozialen Kontexten eine erhöhte innere Alarmbereitschaft mit
sich tragen. Diese prägt ihre Wahrnehmung, ihr emotionales Erleben und
ihr Verhalten in Beziehungen auf vielschichtige Weise.
Sensibilität und Reaktionen auf die Umwelt
Mehrere Teilnehmende beschrieben eine ständige Wachsamkeit, die sich
sowohl körperlich als auch emotional äußert. Sie berichteten,
schreckhafter und schneller erschöpft zu sein, was sich im Alltag in
Form von Rückzug, Überforderung oder auch Gereiztheit zeigen kann. Diese
hohe Sensibilität kann aber auch Vorteile mit sich bringen, etwa in
der schnellen Erfassung von Situationen und der schnellen Reaktion darauf oder der feinen Wahrnehmung
anderer Menschen.
Das Zulassen von Nähe wird ambivalent erlebt:
Umarmungen oder intensive Gespräche können sowohl ersehnt als auch
gefürchtet werden. Das eigene Nähe-Distanz-Empfinden ist dabei sehr
tagesformabhängig und von der konkreten Person abhängig. Verletzungen persönlicher Grenzen können zu heftigen Reaktionen führen. Dennoch kam es
auch zu Berichten von Begegnungen, die überraschend leicht und tragfähig
waren.
Soziale Interaktionen: Ein Drahtseilakt
Soziale Anlässe wurden als oft sehr ermüdend beschrieben. Dies liegt daran, dass man ständig "auf der Hut" sein muss: kontrollieren, wer zu nahekommt, und überlegen, was man sagen "darf" und was nicht. Hierbei erlebt man einen gleichzeitigen Wunsch nach Verbundenheit und nach Rückzug.
Die Gefahr der Überreizung ist hoch, die „soziale Batterie“ schnell
leer. Es wurde geschildert, dass das eigene soziale Ich oft wie eine
Maske erscheint: funktional, aber nicht echt. Die Aufrechterhaltung
dieser Maske erzeugt Erschöpfung und Verspannung. Sie kann zu plötzlichem Verstummen oder
Rückzug führen. Gerade in Gruppenbegegnungen zeigten sich Unterschiede:
Kleine, vertraute Runden wurden als angenehmer empfunden, große Gruppen
eher gemieden außer, wenn sie Anonymität und die Möglichkeit zum
unauffälligen Gehen boten.
Gruppendynamik und Vertrauen
Es wurde deutlich, wie schwer es fällt, nicht zu sehr auf die Bedürfnisse anderer einzugehen und sich dabei selbst zu vergessen (sogenanntes "People Pleasing"). Nur auf andere zu reagieren, anstatt selbst zu agieren, ist sehr anstrengend. Auch beiläufige Kommentare sollten nicht persönlich genommen werden; sie sind Angebote, keine Bewertungen. Manchmal entsteht Neid, wenn andere Menschen leichter Beziehungen eingehen können, was zu einem Gefühl des Ausgeschlossenseins führen kann. Kurze Kontaktaufnahmen können einfach sein, doch das Vertiefen einer Beziehung ist schon schwieriger, da es häufig an Vertrauen und der Fähigkeit zur Abstimmung mangelt.
Kommunikation und Beziehungsstatus
Ein wiederkehrendes Thema war die Schwierigkeit, eigene Gefühle in
Beziehungen zu artikulieren und damit sichtbar zu werden, einen eigenen Raum einzunehmen. Die Angst vor Zurückweisung oder
Unverständnis führt dazu, dass Gespräche mit Familie oder Freunden
häufig gemieden werden. Stattdessen entstehen Rückzugsstrategien, oft
getarnt als logische Ausreden.
Unsicherheit über den Beziehungsstatus, sowohl in familiären als auch in freundschaftlichen Kontexten, führt
häufig zu Überanpassung oder unbewusster Distanzierung. Das „Lesen“ des
Gegenübers (Mimik, Stimmung) wurde als anstrengend, aber notwendig
beschrieben, um emotionale Sicherheit herzustellen. Gleichzeitig wurde
die hohe Fehlerquote bei dieser „Personenlektüre“ als Quelle für
Missverständnisse und Rückzugsreaktionen erkannt. Einige berichteten
auch davon, dass sie bei ersten Kontakten offen seien, später aber in
Rückzug und Misstrauen verfallen, ein Phänomen, das andere Menschen oft
irritiert.
Grenzen setzen und Nähe zulassen
Es wurde deutlich, wie schwer es fällt, rechtzeitig eigene Grenzen zu setzen, etwa wenn man Ruhe und Raum zum Nachdenken braucht, da die Beziehung nicht gefährdet werden soll. Sätze wie "Moment mal, ich muss darüber in Ruhe nachdenken" fallen schwer. Beim Setzen von Grenzen reagiert man häufig zu spät und dann manchmal emotional, was von anderen als unhöflich empfunden werden kann. Auch Schweigen als Antwort (aufgrund der benötigten Verarbeitungszeit) wirkt oft so.
Das stufenlose Einstellen von Nähe und Distanz fällt ebenso schwer wie das Kennenlernen neuer Freunde, da eine große Angst vor dem Verlassenwerden besteht. Manchmal gelingt der Einstieg in eine Beziehung schnell, doch der Aufbau langfristigen Vertrauens ist schwierig und immer wieder von Misstrauen (bis hin zur Paranoia) geprägt. Es besteht ein starkes Verlangen nach Gesellschaft, gleichzeitig aber auch eine große Furcht davor.
Familiäre Beziehungen
Die Beziehung zu den Eltern ist generell schwierig, besonders zu den Vätern, die eventuell schon lange nicht mehr präsent sind, aber auch zu den Müttern. Obwohl Mütter oft selbst den Wunsch nach einer besseren Beziehung haben, können Wochenkinder ihre Mutter manchmal nicht wirklich als solche wahrnehmen, was Mütter wiederum traurig stimmt. Besuche bei den Eltern sind selten, und man fühlt sich fremd.
Ausblick und nächste Schritte
Für die kommenden Treffen wurden mehrere Themenvorschläge gesammelt:
Gemeinsame Lektüre und Diskussion der Seite: digitale-selbsthilfe.de/umsetzen/digitale-treffen
Fragen zur eigenen Position in der Ursprungsfamilie
Was sind „positive Gefühle“ – und wie lassen sie sich erleben? (Leichtigkeit, Zufriedenheit, Dankbarkeit, Freude)
Umgang mit Kontaktabbruch – wie deute ich ihn, was löst er aus?
Ist meine Familie dysfunktional – und was heißt das überhaupt?
Was bedeutet „Personenlesen“ – und wie hoch ist die Fehlerquote?
Gemeinsam wurde am Ende des Austauschs entschieden, als nächstes sich dem "Körperlichen Fühlen“ zu widmen. Als Lesetipp wurde empfohlen: Pete Walker: Tao der Gefühle – ein Ansatz, der versucht, emotionale Selbstfürsorge mit akzeptierender Selbsterforschung zu verbinden.
(Rico)