Freitag, 11. Juli 2025

Zusammenfassung des Zoom-Treffens zum Thema "Gesundes Abgrenzen" (07.10.24)

Aus unserer Angebotsreihe "Wochenkinder Sachsen": Mit einem ungewöhnlichen Blitzlicht begann unser digitales Zusammenkommen: „Wenn du heute ein Getränk wärst – welches wärst du?“ Diese bildhafte Einstiegsfrage öffnete einen ersten Raum für Selbstwahrnehmung. Die Antworten reichten von "gehaltvoll" bis "leer", von "still" über "medium" bis "prickelnd" und spiegelten damit bereits die Vielfalt unserer aktuellen inneren Zustände und Bedürfnisse wider.


Im Zentrum unseres Gesprächs stand die Frage, was „gesundes Abgrenzen“ im heutigen Leben bedeutet, vor dem Hintergrund unserer biografischen Prägungen als ehemalige Wochenkinder.


Babys und Kleinstkinder äußern ihre Grenzen nicht in Worten, sondern über Körpersprache, Stimmklang, Weinen, Unruhe oder Rückzug, sofern ihnen dafür Raum gegeben wird. Ihre Signale sind Ausdruck eines grundlegenden Bedürfnisses nach Schutz, Kontakt und Regulierung. Werden diese Signale übergangen, ignoriert oder als störend abgetan, passt sich das Kind an: Es reduziert seine Ausdrucksintensität, richtet sich nach außen aus und verliert allmählich den inneren Zugang zu seinen Bedürfnissen. Daraus können frühe Formen von Erstarrung, Überanpassung und eine tiefe Entfremdung vom eigenen Empfinden entstehen. 


Als Erwachsene setzen viele von uns heute oft Grenzen über Distanz. Im idealen Falle erlernen wir "Ich-Botschaften" zu formulieren oder bewusste Selbstsorge, doch nicht selten begleiten uns auch hier Unsicherheit oder innerem Konflikte. Was heißt also "Gesundes Abgrenzen"? Nicht nur „Nein“ sagen. Auch Möglichkeiten aufzeigen. Den eigenen Tanz- oder Spielraum erkennen und vertreten. Grenzen nicht als starre Mauern begreifen, sondern als bewegliche, lebendige Kontaktlinien. Rote Linien, energetische Rückzüge, klare „Stopp“-Signale. Unser Vokabular ist vielfältig, doch sind das Bewusstsein darüber und Abgrenzungsvermögen sehr unterschiedlich ausgeprägt.


Kontrollvakuum, Parentifizierung und die Nachwirkungen früher funktionaler Autonomie


Ein zentrales Bild, das im Gespräch auftauchte, war das des „Kontrollvakuums“. Dabei geht es nicht um das Fehlen von äußeren Regeln oder Strukturen, diese waren im Alltag von Wochenkindern sehr präsent. Vielmehr fehlte es an emotionaler Resonanz, an schutzgebender Beziehung und an einem echten, mitwachsenden Dialog über Bedürfnisse, Grenzen und Rollen.


Bei uns Wochenkindern der DDR, die ab der 6. Woche dauerhaft von Montag bis Freitag (manche bis Samstag) rund um die Uhr in Krippen untergebracht wurden, während die Eltern abwesend waren, entstand ein widersprüchliches Klima: Die Betreuungspersonen handelten nach einem ideologisch & klinisch geprägten Funktionsplan, der auf kollektive Erziehung, Anpassung an die Bedürfnisse der erwachsenen "sozialistischen" Welt und frühe Selbstständigkeit zielte. Erwachsene traten mit klaren Erwartungen auf, forderten vor allem eines: Funktionieren. 


Kinder sollten sich selbst beruhigen, sich selbst regulieren, möglichst früh und möglichst störungsfrei. Die Forscherin Heike Liebsch beschreibt diesen Zusammenhang in ihrem Buch „Wochenkinder in der DDR“ unter dem Begriff der „Selbstbedienung“ (S. 138–139): eine Form vermeintlicher Autonomie, die nicht auf innerer Reifung, sondern auf systemischer Notwendigkeit und frühzeitiger Anpassung basiert. In diesem System wurde das Kind nicht begleitet, sondern alleingelassen.


Das, was in gesunden Bindungsbeziehungen zwischen Eltern und Babys bzw. Kleinstkindern durch liebevolle Zuwendung, Co-Regulation und erfahrbare Grenzen entsteht, nämlich innere Orientierung und die Fähigkeit zur gesunden Selbstabgrenzung, blieb aus. Ein emotionales Vakuum entstand, überdeckt von einer funktionalen Oberfläche. Gleichzeitig kam es häufig zu einer sog. „Parentifizierung“, also einer Rollenumkehr: Das Wochenkind mußte emotionale Verantwortung für sich selbst übernehmen, und oft auch für die Bedürfnisse der Erwachsenen, anstatt selbst gehalten zu werden. Die Folge ist eine Rollenkonfusion: Wir wurden zu früh „groß“, übernahmen Pflichten, wo wir Schutz gebraucht hätten, unterdrückten Bedürfnisse, um Erwartungen zu erfüllen. Wir passten uns an, statt uns zu spüren oder - idealerweise - ein Gespür für gesundes Abgrenzen zu entwickeln.


Langzeitfolgen bis ins Erwachsenenleben


Solche frühen Prägungen und Beziehungserfahrungen wirken zumeist weit über die Kindheit hinaus: Viele von uns haben bis heute Schwierigkeiten, eigene Grenzen wahrzunehmen und zu schützen, übernehmen zu viel Verantwortung, auch im Erwachsenenleben. Wir erleben Intimität oder Abhängigkeit oft als bedrohlich oder unsicher, und haben häufig Mühe, für uns selbst zu sorgen, obwohl wir gelernt haben, uns zu versorgen. Die früh gelernte „Selbstbedienung“ war eine reine Anpassungsleistung, kein Ausdruck eines entwicklungsgemäßen inneren Lernprozesses. 


Gesunde Abgrenzung hingegen entsteht in Beziehungen, in denen Nähe und Distanz verhandelbar sind, in denen das Kind erleben darf, dass seine körperlichen und emotionalen Grenzen benannt, gespiegelt und respektiert werden. In DDR-Wochenkrippen jedoch verblieb das Baby und Kleinstkind allein inmitten scheinbarer Autonomie. Es wurde zur kleinen Erwachsenenrolle gedrängt, dazu konditioniert, dressiert, "kompetent" im Außen, aber oft unsicher im Innen.


Daher begleitet - mehr oder weniger bewußt - viele von uns bis in die Gegenwart die Frage: Wie kann ich Grenzen setzen, ohne andere zu verletzen und ohne mich selbst zu verlieren? Auch Themen wie Identität und Rollenklärung rücken in den Fokus: Wer bin ich, wenn ich nicht funktioniere? Wie gelingt es, mir selbst Raum zu geben, ohne schlechtes Gewissen? Abgrenzung zu zeigen nicht als Abwehr, sondern als Einladung: zur Selbstwahrnehmung, zur Präsenz, zur eigenen Erlaubnis zu sein.


Erwähnte Strategien aufgrund eigener Erfahrungen oder Erlebnissen waren u. a.: 

  • "Externalisierung" also das Sichtbarmachen und „Auslagern“ übernommener Muster. https://de.wikipedia.org/wiki/Externalisierung_(Psychologie)
  • Grenziehung als sachlicher, neutraler Vorgang, d.h. keine Drama-Inszenierung, sondern eine Form der Selbstklärung.
  • Respekt, sowohl für die eigenen Grenzen als auch für die der anderen.
  • Der Unterschied zwischen Grenzen setzen und Grenzen zeigen, insbesondere im Kontext von eigener Elternschaft.

Unser Austausch endete mit persönlichen Einsichten wie z.B. diesen: „Ich fühle mich bereichert, aber auch wie ein leeres Glas.“ „Ich frage mich, ob es mir besser gehen würde, wenn ich das Gespräch über gesunde Grenzen mit meiner Mutter geführt hätte - von Mutter zu Mutter.“ „Ich vermisse Herzlichkeit. Bin ich selbst eigentlich herzlich?“ „Man konnte uns nicht lesen, wir trugen Masken. Offen blieben Fragen, die uns möglicherweise in unseren Alltagsbegegnungen noch länger begleiten werden: Wie gelingt Abgrenzung ohne Trennung? Wie umgehen mit dem Schmerz aus nicht gesetzten oder nicht respektierten Grenzen? Was kann ich meinem "inneren Wochenkind" heute an Möglichkeiten zeigen, statt nur an Regeln? Wo endet mein Raum und wo beginnt der der anderen?


Der Versuch eines Fazits: 


Gesundes Abgrenzen heißt für uns nicht nur Schutz, sondern Spielraum. …sich spüren statt sich verteidigen. …Verantwortung teilen, statt sie allein zu tragen.… der eigenen Herzlichkeit Raum geben. Und vor allem: „Gesundes Abgrenzen“ als elementares Bedürfnis in Beziehungen zu benennen – im Privaten wie im Gesellschaftlichen. Ein Thema, dem wir uns auch in unserer nächsten ZOOM-Runde am 05.12.24 unter dem Titel "Beziehung und Bedürfnis" weiter annähern werden.


(Cornelia)

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