Aus unserer Angebotsreihe "Wochenkinder Sachsen"
Dass jede und jeder von uns, die an diesem Austausch teilnahmen, bereits eine ganz eigene „Reise ins Unbewusste“ angetreten hatte, und wie unterschiedlich die Wege dorthin sein können, setzte viele von uns in Erstaunen. Genannt wurden unter anderem Traumdeutung, assoziatives Schreiben, Kunsttherapie, Hypnose und die ursprünglich durch C.G. Jung inspirierte Arbeit mit Märchen und "Archetypen".
Bei einigen war es Mut, bei anderen schiere Verzweiflung, die sie dazu brachte, auch Therapien auszuprobieren, die hierzulande noch nicht anerkannt sind. Ausführlicher wurde von positiven Erfahrungen mit einer MDMA-gestützten Therapie berichtet, insbesondere von der dadurch induzierten Begegnung aus der frühen Kindheit mit eigenen Mutter.
Erwähnt wurden im anschließendem Austausch tiefgreifende Erfahrungen mit schamanistischen Praktiken und Ayahuasca, die in anderen Kulturen bis heute weitergegeben und praktiziert werden. Dabei wurde von einem starken "Netz des Gehaltenseins" und Gefühl der Verbundenheit berichtet.
Wenn Eltern und Gesellschaft uns Wochenkindern ihre Erinnerungen an unsere früheste Kindheit verweigern, wenn es zu Kontaktabbrüchen kommt oder wenn das Wissen um die Zeit als Wochenkind erst dann bedeutsam wird, wenn die eigenen Eltern bereits verstorben sind, bleiben im Wesentlichen zwei Möglichkeiten: Entweder man lässt die Vergangenheit ruhen oder sie meldet sich von selbst, immer wieder ...
Was heißt eigentlich „unbewusst“?
Dass dieser Begriff in unserem Alltagsverständnis sehr unterschiedlich verwendet oder verstanden wird, tauchte während des Gesprächs als Irritation auf, als jemand anstelle von „Unbewusstem“ von „Unterbewusstem“ sprach. Das hat uns veranlasst, im Nachhinein noch einige Anmerkungen zu den Unterschieden hier anzufügen.
„Unterbewusstsein“ ist kein klar definierter Begriff der Psychologie. Umgangssprachlich wird damit häufig etwas bezeichnet, das unterhalb unserer bewussten Wahrnehmung liegt und dennoch unser Denken, Fühlen und Handeln beeinflusst. Für das, was wir damit im Gespräch zunächst meinten, gibt es genauere Begriffe: etwa "implizites Wissen", "internalisierte Normen", "Habitus" oder im Falle der Wochenkinder wäre sogar "Konditionierung" treffend.
Damit lässt sich beispielsweise das beschreiben, was wir durch Erziehung, Kultur und gesellschaftliche Prägung aufnehmen, ohne es später noch als Gelerntes zu erkennen. Wir wissen dann vielleicht gar nicht mehr, dass wir etwas gelernt haben: „So macht man das“, „Das tut man nicht“, „Darüber spricht man nicht“. Solches Wissen ist nicht unbedingt bewusst abrufbar, kann aber unser Wahrnehmen, Fühlen und Handeln nachhaltig bestimmen.
Das Unbewusste meint demgegenüber einen noch weiteren Bereich: Etwas kann in uns wirksam sein, ohne dass wir wissen, was es ist oder woher es kommt. Sigmund Freud, der Gründervater der Psychonanalyse, interessierte sich früh für solche Vorgänge, die sich beispielsweise in Träumen, Fehlleistungen, Symptomen oder Versprechern bemerkbar machen. Ein „Freudscher Versprecher“ kann dabei zweierlei bedeuten: Etwas verrät uns vor anderen, was wir eigentlich nicht sagen wollten. Es kann aber auch uns selbst etwas über uns verraten, worüber wir zuvor noch gar nicht nachgedacht hatten.
Das "Bewusste" ist das, von dem ich weiß, dass ich es weiß.
Das implizit Gewusste bzw. umgangssprachlich „Unterbewusste“ ist das, was ich weiß, ohne es sagen zu können oder zu wissen, dass ich es gelernt habe.
Das "Unbewusste" ist das, was in mir wirksam sein kann, ohne dass ich weiß, was es ist.
Reisen in präverbale Zeiten?
Unsere Wochenkindheit begann in einer Lebensphase, in der wir noch nicht über Sprache verfügten und Erlebtes deshalb auch nicht in der Form autobiografischer Erinnerungen abspeichern konnten, wie wir es später tun. Und doch waren wir in dieser Zeit nicht „unerfahren“. Wir haben Beziehungen erlebt, Trennungen, Nähe und Abwesenheit, Versorgung und Zuwendung, vielleicht auch Einsamkeit, Angst oder Geborgenheit. Vieles davon könnte sich in uns eingeschrieben haben, ohne jemals zu einer erzählbaren Erinnerung geworden zu sein. Vermutlich liegt für uns Wochenkinder darin das eigentliche Interesse an den unterschiedlichen Zugängen zum Unbewussten begründet.
Vielleicht führt uns aber auch die Frage nach dem, was wir in dieser frühen Zeit gelernt und woran wir uns gewöhnt haben, weiter: an Rhythmen, Abläufe, Trennungen, Warten, Funktionieren, das Zurückstellen eigener Bedürfnisse. Was sich dabei als „Dressur“ oder Konditionierung beschreiben lässt, erscheint später wie "selbstverständlich" und prägt ebenso "unbewusst" unser Wahrnehmen, Fühlen und Handeln.
Traum, freies Assoziieren, Schreiben, Körperempfindungen, Trance, Kunst oder andere Formen veränderter Wahrnehmung sind Möglichkeiten, uns auf unterschiedliche Weise zu solchen frühen Spuren führen: zu Gefühlen, Bildern, Körperempfindungen oder Beziehungserfahrungen, die uns heute etwas über diese frühe Zeit und über uns selbst erschließen können.
Ergänzende Informationen & Links:
https://www.deutschlandfunkkultur.de/psychotherapie-drogen-depressionen-mdma-lsd-pilze-100.html
https://acsauhaya.org/de/ayahuasca-zeremonie/
https://www.psychotraumatologie.de/beratungsstelle/liste-von-traumatherapeutinnen/
Weitere Empfehlungen aus dem Austausch:
- Eurgen Drewermann: Märchen tiefenpsychologisch gedeutet (auch auf Youtube hörbar)
- Familienaufstellung: eine TeilnehmerIn hat sich fürs "Familienaufstellen" angemeldet, nachdem die die türkische Serie "Ein anderes Selbst" auf Netflix angefangen zu sehen hat.
- EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing)
- verschiedende Ansätze der Körperarbeit bzw. Psychokörpertherapie
- Kunst- & Schreibtherapie, insbesondere "intuitive Verfahren"
- Adula Kliniken Oberstdorf als Beispiel für einen ganzheitlichen psychotherapeutischen Ansatz (neben Gesprächstherapie auch Körperarbeit, Meditation, kreative Verfahren, Familienstellen und die therapeutische Gemeinschaft)
(Rico & Cornelia)