Aus unserer Angebotsreihe Wochenkinder Sachsen
Ablauf
- Herzliches Willkommen und Vorstellungsrunde
- Blitzlicht: Welches Gebäck wärst Du jetzt gern?
- Einstieg: Neid und Eifersucht als Gefühle
- Erfahrungsaustausch
- Abschlussrunde und Ausblick auf nächstes Thema und nächsten Termin
Neid und Eifersucht in Kindheit und Jugend
In unserem letzten Zoom-Treffen standen die Themen Neid und Eifersucht im Mittelpunkt des gemeinsamen Erfahrungsaustauschs. Viele Beiträge der Teilnehmenden bezogen sich auf Erfahrungen aus der gesamten Kindheit. So wurde Neid beispielsweise gegenüber Geschwistern oder Stiefgeschwistern benannt, etwa im Zusammenhang mit Geburtstagsgeschenken oder dem (vermeintlichen) Bevorzugtwerden durch die Eltern. Thematisiert wurde auch Neid auf die Liebesbeziehung zwischen den Eltern sowie auf den liebevollen Umgang anderer Eltern mit ihren Kindern. Einige berichteten von Neid auf Stiefväter, die den Kontakt zur Mutter blockierten, oder auf ein wohliges Zuhause, das man bei Bekannten erleben durfte. Dieses Gefühl wurde als „wie auf einem anderen Stern“ beschrieben.
Auch Erinnerungen aus der Pubertät kamen zur Sprache: Neid und Eifersucht gegenüber Jugendlichen, denen es scheinbar mühelos gelang, Beziehungen zu knüpfen, sowie gegenüber Menschen, die entspannt durchs Leben gehen können. Mehrere Teilnehmende beschrieben, dass sie sich aus Angst vor Neidgefühlen anderer früh unsichtbar gemacht haben, nicht auffallen wollten oder sich eigene Neidgefühle selbst verboten. Gefühle und Bedürfnisse wurden häufig unterdrückt. Eigene Bedürfnisse wahrzunehmen oder zu benennen fällt bis heute schwer, auch dann, wenn man meint, sich den Neid regelrecht abgewöhnt zu haben.
Unterdrückte Bedürfnisse und ihre Folgen
In diesem Zusammenhang wurden Essstörungen als mögliche Ersatzbefriedigung für unbewusste Bedürfnisse angesprochen. Die Frage „Was soll ich denn wollen?“ tauchte auf, da eigene Wünsche oft unbekannt sind. Manche ehemalige Wochenkinder berichteten, dass sie sich für andere aufgeopfert, sich selbst zurückgenommen oder regelrecht „aufgelöst“ haben, indem sie Geschwister betreuten, halfen oder „verschwanden“, um dazuzugehören und bleiben zu dürfen. Teilweise waren sie sogar gezwungen, die vollständige Verantwortung für die Versorgung jüngerer Geschwister zu übernehmen.
Neid im Erwachsenenleben, in der Elternrolle und im beruflichen Kontext
Auch Neid auf das Glück der eigenen Kinder im eigenen Elternsein kam zur Sprache. Einige ehemalige Wochenkinder können das Gefühl Neid nur schwer einordnen oder kennen es vor allem aus der Beobachtung ihrer Geschwister oder aus anderen Begegnungen. Bei manchen trat Neid erst im Erwachsenenalter deutlich hervor. In diesem Zusammenhang wurde betont, wie wichtig es sein kann, das Gespräch darüber innerhalb der Familie zu suchen.
Ein weiteres Thema war der Neid auf Kolleginnen, Kollegen oder Mitstudierende im eigenen Berufsfeld, insbesondere auf Menschen mit scheinbar stabilem Selbstvertrauen und Urvertrauen, die sich selbst nicht ausbremsen und keine Umwege gehen mussten. In der Diskussion wurde zwischen „gelbem Neid“ (Missgunst) und „weißem Neid“ (gönnender bzw. inspirierender Neid) unterschieden.
Trauer, Sehnsucht und das Bild der „heilen Familie“
Zur Sprache kam auch der Neid auf gute Beziehungen zwischen alten Eltern und erwachsenen Kindern, auf selbstverständliche gegenseitige Unterstützung und auf das Bild einer heilen, intakten Familie. Dieser Neid ist oft eng mit Trauer über eine Familie verbunden, die man selbst nicht hatte. Viele beschrieben ein fehlendes Gefühl von Normalität, von Schwierigkeiten, im Leben anzukommen, sowie von Unklarheit darüber, wohin man eigentlich strebt. Aus Neid und Eifersucht kann so auch eine tiefe Sehnsucht entstehen. Zudem wurde reflektiert, dass Diebstahl im Kindesalter ebenfalls eine mögliche Ausdrucksform von Neid sein kann. Umgekehrt bleibt der Neid anderer auf eigene Erfolge im Leben ehemaliger Wochenkinder häufig unverstanden und wird nicht anerkannt.
Kreative Zugänge
In der Diskussion wurde deutlich, dass sich ehemalige Wochenkinder oft schlecht fühlen, wenn sie eigene Bedürfnisse wahrnehmen. Hier fiel das Stichwort „radikale Erlaubnis“: Alles, was man fühlt, hat seine Daseinsberechtigung und darf da sein. Erst wenn Gefühle zugelassen werden, kann verstanden werden, was in einem selbst vorgeht und der Druck aufgestauter Gefühle lässt nach oder löst sich auf. Angeregt wurde, den eigenen „Hunger“ und die eigenen Bedürfnisse detektivisch zu erforschen und die Scham für die eigene Trauer Schritt für Schritt loszulassen, also gewissermaßen „schamloser“ zu werden.
Als hilfreicher Weg wurde die Arbeit mit dem inneren Kind benannt. Dabei kann sich der erwachsene Anteil dem neidischen oder verletzten inneren Kind zuwenden, ihm zuhören, es trösten und es symbolisch in den Arm nehmen. Das innere Kind kann dabei unterschiedliche Altersstufen haben. Als Erwachsene haben wir die Möglichkeit, diese Zuwendung selbst zu geben und dadurch Überreaktionen besser zu regulieren. So kann nach und nach ein gesünderes Selbstwertgefühl aufgebaut werden. Ergänzend wurden positive Erfahrungen mit Kunsttherapie erwähnt, um das auszudrücken, was das innere Kind sprachlich nicht fassen kann, insbesondere Erfahrungen aus vorsprachlichen Zeiten.
Langzeitfolgen eines verletzten Selbstwertgefühls und Wege aus dem Kreislauf
Ein schlechtes Selbstwertgefühl, geprägt durch Anpassung und eine Erziehung zur Bedürfnislosigkeit, kann zu tiefgreifenden emotionalen Problemen führen. Unverarbeitete Erfahrungen wirken oft bis in die Gegenwart hinein. Dazu gehören unaufgearbeiteter Neid und Eifersucht, die sich als diffuse Schmerzen, Wut oder schwer benennbare Trauer zeigen können. Manche ehemalige Wochenkinder empfinden auch eine tiefe Scham, die zu Selbstisolation, Kontaktabbrüchen und einem Verlust an Lebensfreude führen kann.
Um aus diesem Kreislauf auszusteigen, wurden verschiedene hilfreiche Impulse zusammengetragen. Eine zentrale Möglichkeit ist - wie von mehreren Seiten betont - das Nachnähren des inneren Kindes: sich selbst trösten, sehen, würdigen und ermutigen. Ebenso wichtig sind die Benennung und Akzeptanz von Gefühlen. Unspezifische Empfindungen wie Trauer oder Zorn brauchen Worte, um verstanden zu werden; oft sind sie Ausdruck unerfüllter Bedürfnisse. Perspektivwechsel und Selbsterkenntnis können helfen, die eigenen Gefühle und die der anderen besser einzuordnen und dadurch mehr Freude ins Leben zu lassen.
Am Ende stellte sich bei vielen Teilnehmenden ein Gefühl der Dankbarkeit ein, dass sie sich im geschützten Rahmen zu dieser ambivalenten Thematik so offen äußern konnten. Sich mit dem eigenen Neid auseinanderzusetzen, ist häufig tabuisiert, auch für einen selbst. Umso erstaunlicher war die Erfahrung, sich unter ehemaligen Wochenkindern sofort verstanden zu fühlen. Die Möglichkeit, ehrlich über sich zu sprechen, ohne sich erklären zu müssen, schuf eine tiefe Verbundenheit und ein starkes Gefühl von Resonanz mit den Geschichten der anderen.
(Rico & Cornelia)