Donnerstag, 17. September 2026

Zwei Gedichte

Hier sind zwei Gedichte von mir, die sich mit Themen befassen, die wir teilweise auch schon in der Zoom-Runde besprochen hatten. Das erste Gedicht ist über Moralvorstellungen, über die innere Wahrnehmung und die Wahrnehmung von Anderen und den eigenen Grenzen.

Das zweite Gedicht ist über die Emotionalisierung der eigenen Wortgespinste, die Wahrnehmung von Wortkonstrukten als Wesen oder physische Grenzen und allgemein die Macht von Worten. (Rico)

Die Handlung, die Wandlung

Neulich dachte ich voll Ernst,
wie der Unterschied wohl sei,
ob man etwas früh gelernt,
oder später, nebenbei.
Spät erlernt ist die Moral
beispielsweise voller Fett-
näpfchen und mit einem Mal
wird der Saal zum Rutschparkett.

Vom „So tut man`s“ führt der Pfad
zum „Darum wird’s so gemacht“.
"Ist das alles", frag ich matt,
wirklich rigoros durchdacht?"
Warum tut ein Fehler weh,
warum will ich ihn verdrängen?
Hübsch ist, was ich vor mir seh:
Monster aus Gedankengängen.

Egoismus, Neid und Gier,
glänzen vorn, sind hinten schwarz,
besser man entlässt sie hier,
jetzt und auf die harte Art.
Doch die Leere hinterm Schein
muss man ja auch wieder füllen,
"Horch, was kommt von draußen rein",
sing ich, ach um Himmels willen!

"Ist es Mut, sich selbst zu sehen?"
frag ich und: "Warum denn ich?
Kann man lahm noch weitergehen,
werd' ich heil, verletz ich mich?
Wo ist Wahrheit, wer nimmt mir,

oder baut mein neues Ich?
Steht am Ende gar ein Wir,
oder andre?", frag ich mich.

"Oder bin ich alle hier?",
halt, ich darf nicht alle sein.
Einer spricht in mir dafür
und ein andrer zetert: "Nein!"
Hier im Kampf bin ich das Feld,
Passiv, nein, ich halt die Rechte.
Bald bin ich mit aller Welt,
eng verbunden, im Geflechte.

Denn es wachsen die Synapsen
aus dem Ohr mir wie Tentakel
"Nachtigall, ich hör dir trapsen."
bald versteh ich das Orakel,
werd ich fühlen, was wir sind,
und woran es uns gebricht,
wie ein gut erzog’nes Kind
seh' ich uns im klaren Licht.


Ein Gedicht über Geschichten

Es lebte ein Geschichtelein
in einem hohem Turm allein
und wie sie sprach, vor Langeweil,
da wuchsen Kinder, Zeil um Zeil.

Die Kinder waren blass und dünn,
und ähnlich sich, so wie Kopien,
sie waren Heimat, Beistand auch
und ihr vor allem sehr vertraut.

Doch eines Tages fiel ihr auf,
denn die Geschichte kam darauf,
sie schaute auf ihr Kinderheer,
wie eines glich dem andern sehr,
und wie das Leben eng und fad,
so dass sie Gott um Hilfe bat.

Und so kam eine Geisterfee,
mit Schwanenflügeln, weiß wie Schnee,
und gab ihr einen Zauberspruch
und schrieb ihn ihr ins Gästebuch:
"Was mein Geschwätz noch gestern war,
erscheint mir heute sonderbar."

Und kaum gesagt, da hing ein Strick
vom Fenster, ach und welches Glück,
hing ganz herunter bis zum Grund
so dass sie munter und gesund
vom hohen Turm gestiegen bald 
und machten dort kurz Rast und Halt.

Sie kamen dann zu einem Ort,
und viele Märchen waren dort,
und Fabeln und Novellen gar
und eine Kurzgeschichtenschar.

Die saßen zum Gespräch im Rund
und ihre Kinder waren bunt,
den dünnsten Kindern aber, ach,
geschah ein großes Ungemach.

Es ward gebastelt und probiert,
und Schwaches wurde neu sortiert.
und viele Kinder wurden fit
und halfen selber tüchtig mit.

Doch als man ihre Kinder brach,
da sah die Mutter Rot und sprach:
"So stoppet euren Mummenschanz
und lasset meine Kinder ganz,
die anders sind und von euch fremd,
ihr Rüpel, dass ihr euch nicht schämt!"

Und baute Käfigwörter drum,
um ihre Kinder ringsherum,
doch störte das die andern sehr,
sie witterten Gefahr und mehr
und ließen diese Kinder frei
und sperrten ihre Mutter ein.

Gar mächtig war nun ihr Verlies
und einsam war es ohnedies
und alle glaubten fest daran
das niemand draus entkommen kann.

Und da verstand den Zauberspruch,
ja, jener aus dem Gästebuch,
das unsrige Geschichtelein
und daraufhin fiel es ihr ein,
wie stark der Wortgebilde Kraft,
die sie geäußert und gedacht
in ihrem Kopf, der weiter sann,
ob eine Weltgeschichte dann,
die über alle sie erzählt,
es gab und wer die Szenen wählt
und was, wenn alles Zufall wär,
und jedes Schicksal eine Mär?

Nun kamen manche, sie zu hörn
und sie erzählte ihnen gern,
den ihrigen Gedankengang
und deshalb war die Zeit nicht lang
bis die Vernunft im Land gewann
und man zu jenem Schlusse kam:
Es wird verboten fürderhin,
Gefängniszäune hochzuziehn!

Den Gram um ihre Kinderlein
verstand man nun und lud sie ein
zum Ort wo die Gedanken blühn
in Einzelteilen, ohne Sinn,
bis dann und wann mal jemand kam
und etwas davon mit sich nahm.

Es war das Leben, nicht der Tod,
ein Ort des Werdens, der Geburt
und die Geschichte nun genas
weil sie die anderen auch las
und strickte und erzählte fein,
das fröhliche Geschichtelein.

Zwei Gedichte

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